Wissenswertes rund um Tulla und den Donauraum

Ein virtuelles Interview mit dem Leiter des Generallandesarchivs in Karlsruhe

Zum Interview

Katja und Teresa

Das Generallandesarchiv Karlsruhe bekommt passend zum 250. Geburtstag des badischen Wasserbauingenieurs Johann Gottfried Tulla, auch "Bändiger des Rheins" genannt, Karten aus dessen Lehrjahre geschenkt. Neben den Plänen und Karten Tullas, besitzt das Generallandesarchiv einen umfassenden Bestand an historischen Karten und Plänen des Donauraums womit sich das internationale Ausstellungsprojekt „Fließende Räume“ befasst. Was zum Beispiel die Tullaschen Karten und die Ausstellung gemeinsam haben und was die Kartografie besonders spannend macht, beantwortet uns der Leiter des Generallandesarchivs, Prof. Dr. Wolfgang Zimmermann, höchstpersönlich in unserem virtuellen Interview.

Unser Stargast:
Herr Dr. Prof. Wolfgang Zimmermann leitet seit 2010 das Generallandesarchiv in Karlsruhe. Als Historiker und Archivar ist es ihm ein besonderes Anliegen, das reiche Kulturelle des Hauses der Öffentlichkeit zu vermitteln, nicht nur durch Ausstellungen im eigenen Haus, sondern auch als Honorarprofessor an der Universität Heidelberg und als Stellvertretender Vorsitzender der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg.

Der badische Wasserbauingenieur wurde als „Bändiger des Rheins“ durch die Rheinbegradigung bekannt. Wie kam es dazu? Wodurch wurde Johann Gottfried Tulla darauf aufmerksam?

Der Rhein bildete seit 1803 die lang gezogene Außengrenze des Großherzogtums Badens, zugleich bedrohte das instabile Flussbett die Lebensräume der Menschen am Fluss. Die Begradigung des Flussbetts lag somit im politischen Interesse des Staates. Zugleich war die Beherrschung der Natur ein zentrales Anliegen der sich allmählich etablierenden Natur- und Ingenieurwissenschaften. Tulla war also ein Kind seiner Zeit, der sich in seiner Ausbildung systematisch auf diese Aufgabe vorbereitete.

© GLA_H_Brettach 1_A

Karte mit Tullas Unterschrift; © GLA_H_Brettach 1_B

Gab es damals auch Personen, die gegen das Projekt von Tulla waren? Wenn ja, wer war das?

Die Vorbehalte gegen die Rheinbegradigung waren groß. Die einen hegten Zweifel, ob der Plan von Tulla überhaupt funktionieren könne; in den preußischen Rheinlanden zwischen Koblenz und Köln fürchtete man, dass die Begradigung des Oberrheins zu Hochwasser und Überflutungen flussabwärts führen könnte. In Knielingen stießen die Pläne auf offenen Widerstand: Die Bauern fürchteten, dass durch das neue Flussbett wertvolles Ackerland zerschnitten würde.

Warum wurde Johann Gottfried Tulla von Großherzog Karl Friedrich so gefördert?

Neudeutsch würde man sagen: Die badische Verwaltung förderte technische Innovationen und setzte auf Wissenstransfer aus dem Ausland, vor allem aus England und den Niederlanden. Aber dazu brauchte man auch die „besten Köpfe“ aus dem eigenen Land – zu ihnen zählte Tulla. Elitenförderung war Teil der badischen Politik einer Modernisierung des Staates. Dies ließ sich der Großherzog auch einiges kosten. Man nahm viel Geld in die Hand.

Plan für die Begradigung des Rheins zwischen Lauterburg und Worms,1825/32,mit eigenhändiger Unterschrift Tullas in der Titelkartusche; © GLA Karlsruhe H Rheinstrom Nr. 115

Johann Gottfried Tulla (1770–1828); © GLA Karlsruhe J-Ac T 11

Warum hat Johann Gottfried Tulla eine so große Bedeutung für Karlsruhe?

Tulla schuf mit der Rheinbegradigung die Kulturlandschaft am Oberrhein, wie sie für uns heute ganz selbstverständlich ist. Für Karlsruhe heißt dies: Ohne Tulla gäbe es keine Schifffahrt auf dem Rhein: Voraussetzung für den modernen Ausbau des Karlsruher Hafens mit seinen Industriebetrieben.

Ausschnitt vom Dreh zur filmischen Tulla-Biografie "Tullas Traum" - TV-Ausstrahlung voraussichtlich Ende 2020; © VIDICOM Media GmbH

Ausschnitt vom Dreh zur filmischen Tulla-Biografie "Tullas Traum" - TV-Ausstrahlung voraussichtlich Ende 2020; © VIDICOM Media GmbH

Wie kam das Generallandesarchiv zu dieser besonderen Errungenschaft von solch historisch bedeutsamen Karten aus früheren Zeiten?

Das Generallandesarchiv verwahrt als das historische Zentralarchiv Badens in der Tat einen sehr umfangreichen und wertvollen Bestand von handgezeichneten Landkarten. Karten sind seit der Frühneuzeit ein zentrales Medium, herrschaftliche und politische Ansprüche in die Landschaft „einzuschreiben“. Daraus entstand eine vielfältige Überlieferung. Auf Tulla bezogen müssen wir uns klarmachen, dass für die Rheinbegradigung umfangreiche Planungen nötig waren. Jedes Detail wurde in einer Landkarte festgehalten.

Neben den Karten und Plänen von Tulla besitzt das Generallandesarchiv einen umfassenden Bestand von Karten des Donauraums, welche Sie in der Ausstellung „Fließende Räume“ präsentierten.Wie kam es zu der Errungenschaft von Karten der Donau, wobei unsere Region hier doch eher weniger mit dem Donaugebiet zu tun hat?

Karlsruhe bringt man in der Tat mit dem Rhein in Verbindung, aber nicht mit der Donau. Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655–1707) machte in kaiserlichen Diensten als „Türkenlouis“ in den Kriegen gegen das Osmanische Reich Karriere. Als Offizier war er seit 1683 in Ungarn und auf dem Balkan unterwegs. Aus seinem Fundus stammt ein Großteil der Karten des Generallandesarchivs. Die Militärkartografie diente nicht nur zur Orientierung in fremden Regionen, sondern war auch Grundlage aller strategischen Planungen. Das Generallandesarchiv besitzt deshalb nach Wien die wohl bedeutendste Sammlung von handgezeichneten Karten Südosteuropas, eben des Donauraums.

Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden als siegreicher Feldherr in der Schlacht bei Niš (im heutigen Serbien); © GLA Karlsruhe J–E N 1

Der Donauraum als Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Sultan, nach 1635; © Dokumentationszentrum der Banater Schwaben, Ulm an der Donau, Bestand Ewald Böss

Welche Bedeutung hat der Name der Ausstellung, „Fließende Räume“? Wie kam es zu der Idee zu dieser besonderen Ausstellung?

Mit dem internationalen Ausstellungsprojekt „Fließende Räume. Karten des Donauraums 1650–1800“ möchten wir die umfangreichen Karlsruher Kartenbestände in die Regionen bringen, in denen sie vor rund 300 Jahren entstanden sind. Zugleich hat die Ausstellung eine kulturpolitische Botschaft: Europa endet nicht in Wien, auch wenn der „Eiserne Vorhang“ nach 1945 diese scharfe Grenze gezogen hat.
Der Titel der Ausstellung spielt mit der Metapher des Fluiden, das bereits im Begriff des Flusses enthalten ist. Aber es gibt auch noch eine zweite Ebene: historische Räume wie etwa der Donauraum sind keine statischen „natürlichen“ Größen, sondern werden von Menschen „gemacht“; oft aus politischen Erwägungen – so etwa im Begriff der Donaumonarchie – erfunden und dann durch das Medium der Kartografie in die Landschaft eingezeichnet. Sie bleiben aber immer im Fluss, sind also nie abgeschlossen.

In der Ausstellung „Fließende Räume“ wird die Wichtigkeit der Flüsse sowohl damals als auch heute verdeutlicht. Warum würden Sie die Flüsse sogar als „Lebensadern“ bezeichnen?

Flüsse waren bis in die Moderne die zentralen Verkehrsachsen: Von Ulm aus bestiegen die Auswanderer nach Ungarn Schiffe, die „Ulmer Schachteln“, um flussabwärts zu reisen. Am Oberrhein wurde der Rhein über Jahrhunderte hinweg als heftig umkämpfte zwischen Deutschland und Frankreich instrumentalisiert, bis der französische Historiker Lucien Febvre, damals Professor in Straßburg, 1931 dem Fluss eine ganz neue Deutung verlieh: Der Rhein bilde – so der Historiker – keine Grenzlinie, sondern verkörpere die vitale Lebensader des gesamten Oberrheingebiets.

Interessierte Besucher bei der Eröffnung der Ausstellung an der Universität in der nordungarischen Stadt Eger, 2018; © Josef Wolf

Ökologisches Biotop: Östlich von Pressburg löst sich der Lauf der Donau in zahlreiche kleine Arme auf, um 1670; © GLA Karlsruhe Hfk Planbände 13, 19

Welche Vorkehrungen für solch eine umfassende Ausstellung wie „Fließende Räume“ waren damals nötig? Und wie lange dauerten die Vorbereitungen dafür?

Wir arbeiteten rund drei Jahre an der Vorbereitung der Ausstellung. Partner war das Tübinger Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde. Mit der Eröffnung 2017 in Karlsruhe war das Projekt aber nicht beendet, sondern startete erst richtig durch: Seit 2018 folgt die Wanderausstellung dem Flusslauf der Donau nach Südosten: Zunächst waren wir Gast in Ungarn, unter anderem in der Nationalbibliothek in Budapest, seit Frühjahr 2019 sind wir in Rumänien unterwegs. Die Planungen mit den Partnern vor Ort sind aufwändig, schaffen aber auch viele bereichernde Begegnungen. Wir werden bei den Planungen durch die deutschen Botschaften unterstützt. Die Resonanz auf die Ausstellung ist äußerst positiv: die Donau wird so wieder zu einer europäischen Verbindungslinie.

Derzeit ist die Ausstellung – um im Bild zu bleiben – auf Grund gelaufen: Wenige Kilometer vom Donaudelta entfernt liegt die Ausstellung wegen der Corona-Regelungen fest. Doch wir hoffen, bald wieder Fahrt aufnehmen zu können. Die nächsten Ziele in Bulgarien, Kroatien, Serbien, in der Slowakei und in Österreich warten. Die Präsentation in Temeswar 2021 – dann ist die Karlsruher Partnerstadt „europäische Kulturhauptstadt“ – wird ein weiteres Highlight sein.

Das Königreich Ungarn, 1688; © GLA Karlsruhe Hfk Planbände 7, 5

Ansicht von Ofen (Buda), 1685; © GLA Karlsruhe Hfk Planbände 14, 85

Warum war damals die Arbeit der Kartografen so bedeutungsvoll? Und was finden Sie ganz persönlich an der Kartografie besonders spannend?

Die „Macht der Karten“ – so der Titel einer Publikation von 2004 – ist suggestiv: Kartografen entwickeln Bilder von geografischen oder politischen Räumen, die uns auf oft subtile Art eine Weltsicht vermitteln, die unsere Wahrnehmung des Anderen, des Nachbarn prägt: Karten heben hervor, was den Kartografen wichtig erscheint, und retouchieren weg, was nicht in ihre Weltsicht passt. Sie erfinden somit eine eigene Welt.

Historische Karten sind für mich eine Einladung zu einer kleinen Weltreise mit vielen Überraschungen, und immer ist der kleine Detektiv in uns gefragt, der etwas Neues entdecken kann oder den Tricks des Kartografen auf die Schliche zu kommen versucht.

Vielen Dank für diesen spannenden Einblick, lieber Herr Prof. Dr. Zimmermann!

Wie Ihr wisst, muss niemand Kulturhunger leiden! Dass unsere Kultureinrichtungen in der Zwangspause keineswegs pausieren, sondern mehr und mehr digitale Angebote anbieten, seht ihr hier auf unserer kultur@home-Seite!

Bleibt gesund! Reinschauen, mitmachen und Kultur tanken!