Ein tierisches Interview im Naturkundemuseum – Teil 1

Von gepunkteten Quallen, greisen Knubbel-Anemonen und weitgereisten Riesensalamandern

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Jennifer

Corona hin oder her – vieles, das hinter den Kulissen des Museumsbetriebs abläuft, bekommen die Besucher*innen auch sonst nur selten zu sehen: So etwa die aufwändige Arbeit im Vivarium des Naturkundemuseums. Wir haben uns virtuell mit dem Vivariumsleiter getroffen, um einen Einblick in seinen vielseitigen und spannenden Alltag zu bekommen.

Unser Stargast: Diplom-Biologe Johann „Hannes“ Kirchhauser, Leiter des Vivariums im Karlsruher Naturkundemuseum. Von Kindesbeinen an begeisterte Biologe, konnte er seinen „Aquarianer-Traum“ in Karlsruhe Wirklichkeit werden lassen: Über einen Tipp des Direktors der Stuttgarter Wilhelma bewarb er sich 1988 um ein Volontariat im Vivarium des Staatlichen Museums für Naturkunde - da dieses zu seiner Überraschung nicht im Zoologischen Stadtgarten beheimatet war. Ob Schicksal, aquaristisches Können oder sein geerbter „sprichwörtlicher Schwabenfleiß“ – kurz darauf konnte er die Nachfolge als Leiter des Vivariums antreten, das, wie er heute weiß, „nicht nur im Herzen Karlsruhes liegt, sondern für gebürtige Karlsruher auch eine Herzensangelegenheit ist, gefüllt mit vielen Kindheitserinnerungen.“

Der junge Vivariumsleiter beim Umbau 1990

Das Naturkundemuseum beherbergt die verschiedensten Lebewesen aus allen Ecken der Welt. Was muss alles bei der Pflege des Vivariums und seiner Bewohner beachtet werden?

Primär muss man feststellen, dass wir ganz unterschiedliche Tiere mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen pflegen. In den Terrarien leben kleine Pfeilgiftfrösche aus den Regenwäldern Südamerikas, Riesenschlangen Südostasiens oder etwa Dornschwanzagamen aus den heißen Wüsten Arabiens. In Aquarien zeigen wir unter anderem Süßwasserrochen aus dem Amazonas, Kraken von den Felsküsten des Mittelmeers, Schnepfenfische aus der Tiefsee oder bunte Korallenfische aus den Riffen der Südsee und – nicht zu vergessen – unsere Schwarzspitzen-Riffhaie Kalli und Karla.

Bei allen müssen Klimaparameter wie Temperatur, Luftfeuchte oder Salzgehalt des Wassers mit denen ihres natürlichen Lebensraums übereinstimmen. Zusätzlich muss es Versteckmöglichkeiten, Klettermöglichkeiten, Auslauf oder Schwimmraum geben, damit das arttypische Verhalten ausgelebt werden kann, und zu guter Letzt muss auch das Nahrungsangebot stimmen. Das kann auch problematisch werden, wenn der eine am liebsten Schnecken frisst und der andere Schlangen als Beute bevorzugt.

Der Tag beginnt grundsätzlich mit einem Rundgang, bei dem gecheckt wird, ob es den Tieren gut geht und die Technik funktioniert. Dann erfolgen Standard-Versorgungen wie Sprühen der Terrarien, Wechsel des Wassers in Trinkgefäßen, Nachfüllen von verdunstetem Wasser in Meerwasserbecken, Zugabe von gelöstem Kalk für Steinkorallen, Reinigung von Filterkomponenten und so weiter. Anschließend werden die Tiere gefüttert, wobei es Tiere gibt, die täglich mehrmals gefüttert werden müssen (z.B. junge Seepferdchen oder Planktonfresser wie Fahnenbarsche), andere bekommen einmal am Tag (das ist die Regel) und wieder andere nur 2 x die Woche (wie etwa Kalli und Karla, die Diät bekommen, weil sie sonst verfetten). Unsere großen Tigerpythons bekommen sogar nur alle 6 Wochen Futter – dann aber bis zu 6 Zwergkaninchen (die vorher aufgetaut werden). Später werden Aquarien gereinigt – bei jedem Becken gibt es 1 x pro Woche eine Grundreinigung mit ca. 25 % Wasserwechsel.  Am Abend wird bei Regenwald-Terrarien noch einmal gesprüht und es erfolgt ein letzter Kontrollgang. Dann gehen wir heim und beten, dass am nächsten Morgen noch alles so in Ordnung ist, wie wir es am Abend verlassen haben.

Australischer Schwarzkopfpython

Frisst gerne Schnecken: Krokodilteju

Sie haben einige Neuzugänge für das Vivarium bekommen: Die gepunkteten Wurzelmundquallen! Was ist das Besondere an diesen Quallen? Wie wirkt sich die derzeitige Schließung auf das Vivarium aus?

Die Gepunkteten Wurzelmundquallen hatten wir schon vor der Corona-Krise gekauft. Ein Kollege, der sich auf Quallen spezialisiert hat, hatte sie gezüchtet und sie uns zu einem Schnäppchenpreis angeboten. Da konnte ich einfach nicht Nein sagen, obwohl diese Tiere sehr zerbrechlich sind. Sie sehen einfach phänomenal aus – eine der schönsten Quallen überhaupt! Wir hatten geplant, sie Mitte März in die Schau zu bringen, aber leider waren wir vorher gezwungen, das Museum zu schließen. So darben jetzt diese Schönheiten in unserem Keller, weil sie dort leichter zu reinigen sind – das ist immer wieder ein Abenteuer, weil bei der kleinsten Berührung bereits Tentakel abfallen. Übrigens finde ich, dass ihr runder Schirm mit weißen Sprenkeln irgendwie an das Corona-Virus erinnert, das uns das Leben derzeit so schwer macht.

Im Rahmen der Corona-Pandemie ist bezüglich des Vivariums die größte Sorge, dass die Pflege der Tiere immer gewährleistet sein muss. Genau genommen sitzen wir so gesehen in einem Boot mit all den anderen „Pflegediensten“, nur, dass wir eben für Tiere da sein müssen, die ohne unsere Pflege sterben würden. Derzeit versuchen wir, immer zwei von fünf Tierpflegern mit Urlaub oder Überstundenabbau separat zu halten, falls einer der Mitarbeiter den Rest der Mannschaft in eine Quarantäne befördert. Außerdem versuchen wir mit Mitarbeitern anderer Museumsabteilungen und externen Aquarianern und Terrarianern eine back up-Mannschaft für den worst case heranzuziehen. Ansonsten arbeiten wir ganz normal – die Tiere kann man nicht für ein paar Wochen einfrieren, bis das Museum wieder öffnet.

Blick ins Vivarium 1962

Gepunktete Wurzelmundqualle

Wie werden denn solche Neuzugänge geplant?

Bei der Ausarbeitung von neuen Ausstellungen wird definiert, welche Tiere für die Vermittlung des Inhalts relevant sind. Das waren für unsere neue Ausstellung „Form und Funktion – Vorbild Natur“ z.B. Krokodile, Klapperschlangen, Schwarzspitzen-Riffhaie, Leuchtaugenfische oder etwa fluoreszierende Korallen und viele mehr. Wenn in den Becken dieser Leit-Arten auch andere Tiere gehalten werden können, haben wir freie Bahn für das, was wir im Team für attraktiv oder besonders interessant befinden. Das macht richtig Spaß und die Resonanz der Besucher zeigt, dass wir da so manches i-Tüpfelchen dazu kombiniert haben.

Manchmal müssen wir ewig suchen, um bestimmte Arten zu bekommen. So war das etwa bei den geheimnisvoll wirkenden Leuchtaugenfischen oder den drachenartig aussehenden Riesen-Gürtelschweifen. Manchmal läuft man dann an attraktive Dinge einfach so hin. So war es bei den o.g. Gepunkteten Wurzelmundquallen oder unserem Roten Knurrhahn, der uns bei einem Nachttauchgang auf unserer Mittelmeer-Exkursion begegnete.

Roter Knurrhahn

Australienkrokodil

Welches Tier hat eine besonders weite Reise bis zum Vivarium zurückgelegt?

In der Regel versuchen wir, mit Nachzuchten zu arbeiten. Das bedeutet, dass dann z.B. ein Blauer Baumwaran ursprünglich aus Indonesien stammt, die Tiere, die wir kaufen, aber in Frankfurt gezüchtet wurden. Übrig bleiben also Tiere, die nicht gezüchtet werden können. Da sind auf der einen Seite viele Mittelmeertiere wie Kraken, Brassen oder Meerpfauen, die wir bei unseren Exkursionen selbst fangen. Die stammen allesamt aus Italien – das ist nicht so weit. Dann kommen viele tropische Rifffische von Fangstationen in Indonesien oder von den Philippinen – das ist bereits sehr weit! Eine besondere Reise haben aber unsere Chinesischen Riesensalamander hinter sich. Sie wurden in China gezüchtet, landeten im Tausch für Komodo-Warane im Prager Zoo und von dort holte ich sie im Tausch gegen unseren alten Riesensalamander „Karlo“ nach Karlsruhe, um wieder an Jungtiere zu kommen. Übrigens haben die Spezialisten im Prager Zoo ermittelt, dass unser „Karlo“ mit einer Länge von 158 cm derzeit der größte bekannte Riesensalamander der Welt ist! 

Riesensalamander Karlo

Blauer Baumwaran

Wer ist momentan der älteste Bewohner des Vivariums?

Die ältesten Tiere des Vivariums sind zwei Anemonenfische und eine Knubbelanemone, die sie bewohnen. Alle drei habe ich nach der Renovierung der Meerwasser-Aquarien im Jahr 1990 von der Wilhelma bekommen bzw. gekauft. Sie sind jetzt also schon 30 Jahre bei uns. Ich hätte nie gedacht, dass Anemonenfische so alt werden können!

Die ältesten Tiere im Vivarium: Weißbinden-Anemonenfisch und Knubbelanemone

Tierfang im Mittelmeer

Haben Sie einen Lieblings-Bewohner im Aquarium?

Meine ganz besonderen Lieblinge sind unsere Kraken. Sie wirken so fremd und sind doch so intelligent, dass ich manchmal ganz verdränge, dass ich nicht mit einem Menschen interagiere. Jeder hat seine individuelle Persönlichkeit mit Macken und Vorzügen und reagiert sofort, wenn man am Aquarium vorbeikommt. Ich fange unsere Kraken selbst und weiß oft schon beim Fang, welcher Krake mein neuer Liebling wird. Derzeit lebt Krake „Annabelle“ bei uns. Sie begegnete mir bei einem Nachttauchgang auf Sandgrund in 15 m Tiefe. Sie war gleich so neugierig, dass ich sie ohne Hilfsmittel wie Netz o.ä. in meinen Plastikbeutel locken konnte. Sie macht jeden Blödsinn mit und ist übrigens in der Kindersendung „pur+“ unter „Die perfekte Tarnung“ am 26. April um 19:25 im KIKA zu sehen.

Ich bin von ihr so begeistert, dass ich sogar ein T-Shirt mit einem Action-Bild von ihr machen ließ. Schade, dass sie uns im Oktober wieder verlässt – Wir setzen unsere Kraken nach einem Jahr „Urlaub in Karlsruhe“ wieder dort aus, wo wir sie gefangen haben.  Der Grund ist, dass Kraken nur zwei Jahre alt werden und wir dem Tier so Gelegenheit geben, sich im folgenden Frühjahr fortzupflanzen. Die Zucht im Aquarium ist leider nicht möglich…

Krake Annabelle in Action

Feuer und Flamme fürs Wasser: T-Shirt mit Krake Annabelle

Warum ist das Vivarium so spannend und besonders? Warum sollte man Ihrer Meinung nach dem Vivarium im Naturkundemuseum einen Besuch abstatten?

Ich glaube, dass ich nach obigen Erläuterungen nicht mehr erklären muss, was am Vivarium so spannend ist. Das Karlsruher Naturkundemuseum bietet mit seinem Vivarium die ideale Kombination aus Unterhaltung, Faszination und Wissensvermittlung – modern ausgedrückt: Infotainment auf höchstem Niveau! ….und das zu einem Preis, den man als ausgesprochen günstig und familienfreundlich bezeichnen muss! Wo kommen Sie heute noch für 10,-€ mit der ganzen Familie rein?

Wir versuchen mit den lebenden Tieren des Vivariums die Themen verschiedener Ausstellungen auf attraktive Art und Weise zu bereichern. Der Besucher hat dabei die Gelegenheit, viele faszinierende Tiere in schön gestalteten Aquarien und Terrarien zu beobachten und ihre Verhaltensweisen kennenzulernen. Gerade in der heutigen Welt bieten wir damit einen echten Kontrapunkt zur digitalen Dauerberieselung – ein Stück real life. Ich könnte sagen: Man kann einen echten Hund auch nicht durch ein Tamagotchi ersetzen. An den Reaktionen unserer Besucher sehen wir, dass wir mit diesem Konzept, das sich bei uns über Jahrzehnte herauskristallisierte, goldrichtig liegen. Wer nach Karlsruhe kommt oder in Karlsruhe lebt und uns nicht besucht, hat definitiv etwas verpasst!

...Das finden wir übrigens auch - Vielen Dank für das Interview, Herr Kirchhauser!

Weiter geht es am Freitag mit Teil 2, in dem der Vivariumsleiter uns allerhand ulkige Anekdoten aus über 30 Jahren tierischer Museumserfahrung verrät…

Übrigens: Niemand muss Kulturhunger leiden! Dass unsere Kultureinrichtungen in der Zwangspause keineswegs pausieren, sondern mehr und mehr kreative Angebote auf der digitalen Schiene aufziehen, könnt Ihr hier sehen:

www.karlsruhe-tourismus.de/kulturathome

Bleibt gesund! Reinschauen, mitmachen und Kultur tanken!