Vorfreude auf das 20. Independent Days Filmfest

Virtueller Talk mit Film(board)-Mann Dr. Oliver Langewitz

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Katja

Leider mussten die INDEPENDENT DAYS | Internationale Filmfestspiele Karlsruhe von Anfang April in den Herbst 2020 verschoben werden… Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Wir wollen uns die Wartezeit bis dahin versüßen und haben uns deshalb Dr. Oliver Langewitz, Leiter des Filmboards Karlsruhe e.V., herangeholt. Dieser gibt uns Hintergrundinfos sowohl zu den vergangenen als auch zu den kommenden Independent Days, verrät uns seine ganz persönlichen Filmtipps, erzählt uns, was uns im Herbst erwartet und stellt uns die aktuelle YouTube-Sendung „Kurzfilm vs. Corona“ vor.

Unser Stargast:

Dr. Oliver Langewitz ist Gründer und Leiter des Filmboards Karlsruhe und führt das Organisationsteam des Independent Days Filmfestes an – er ist ein (Filme-)Macher aus Leidenschaft. Außerdem produziert Oliver Langewitz selbst Filme, führt Regie und gibt sein Wissen in der Medienbranche als Dozent an der Universität Koblenz-Landau und der MfG Akademie weiter.

© Bernd Hentschel

Leider musstet Ihr die Independent Days in den Herbst schieben. Wie weit im Voraus fangt Ihr denn normalerweise mit den Planungen der Independent Days an? Was muss alles vorbereitet werden für so ein internationales Festival?

Wir fangen eigentlich schon parallel zur jeweils aktuellen Festivalausgabe mit den Vorbereitungen für die darauffolgenden Independent Days an. So suchen wir auf anderen Festivals, wie zum Beispiel der Berlinale, dem Filmfest München, in Cannes oder dem Dokfest Leipzig nach Filmen, die sich auch für unser Festival anbieten würden. Etwa sechs Wochen nach dem aktuellen Filmfestival starten wir unseren Call for Submissions online und erhalten hierüber Filme aus der ganzen Welt, das waren in diesem Jahr knapp 1.650 Filme, die bis zu unserer Deadline im November eingereicht worden sind. Parallel beginnt unser Programm-Komitee bereits mit der Sichtung, um diese Menge an Filmen bewältigen zu können. Wir versuchen auch möglichst frühzeitig, bestehende Partnerschaften, Preisstifter, Sponsoren und Medienpartner für die nächste Festivalausgabe zu gewinnen, immerhin haben wir mittlerweile eine Festivalfamilie mit über 40 Partnern, die aber sicherlich noch längst nicht vollständig ist. So konnten wir mit der Messe Karlsruhe in diesem Jahr einen sehr wertvollen Goldpartner gewinnen, der künftig den Newbie Award für das Beste Erstlingswerk stiftet. Und ich freue mich, dass wir in diesem Jahr auch zwei Programme im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien zeigen können. Darüber hinaus suchen wir hier für zwei Awards noch jeweils einen Preisstifter. Zudem müssen wir das Festival planen, ein schlagkräftiges Helferteam zusammenstellen und dafür sorgen, dass im Rahmen unserer sehr begrenzten finanziellen Möglichkeiten die Öffentlichkeit über Presse-, PR- und Marketingmaßnahmen informiert wird, in diesem Jahr eine besonders schwierige Herausforderung, da wir nahezu alle Marketingmaßnahmen für das eigentliche Datum im April bereits gestartet haben und der Corona-Virus uns einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Hier hoffen wir, ausreichende Unterstützung von allen Seiten zu erhalten, damit wir eine erneute Grundbewerbung unseres Festivals im Herbst starten können.

© DIMA Photography

Nach welchem Verfahren werden die eingereichten Filme für das Festival ausgewählt?

Wir haben mit der kanadischen Filmfestivalplattform Filmfreeway ein komplexes Online-Sichtungs-Tool zur Hand, mit dem unser Programm-Komitee, das aus Filmemachern und -experten an unterschiedlichen Standorten - neben Karlsruhe zum Beispiel Berlin, Köln oder Stuttgart - besteht, die Filme online sichten und bewerten kann. Hier existiert ein komplexes Punktesystem, bei welchem in unterschiedlichen Kategorien wie Story, Kamera, schauspielerische Leistung oder auch der Gesamteindruck bewertet werden können. Die maximale Punktzahl in jeder Kategorie beträgt 10, aus allen Punkten wird dann der Durchschnittswert ermittelt. Zudem können die Filme auch in einem Freitextfeld kommentiert werden. Dies ist insofern für die nächste Auswahlstufe wichtig, als dass wir hier Informationen zum Film notieren können. Handelt es sich zum Beispiel um ein Erstlingswerk? Wurde der Film von einer Regisseurin gedreht? Wird ein religiöses Thema aufgegriffen? Diese Fragen sind relevant für unsere verschiedenen Awards, die wir ausgelobt haben. Auch genrespezifische oder thematische Eingrenzungen werden hier vorgenommen, da wir im Festivalprogramme entsprechende thematische Kurzfilm-Blöcke zusammenstellen, zum Beispiel in diesem Jahr ein Horrorprogramm, ein Jugendblock oder auch dokumentarische Arbeiten, die bei Indierama Documents gezeigt werden. Darüber hinaus helfen uns diese Einordnungen für den nächsten Schritt, die Nominierung bestimmter Filme für unsere verschiedenen Awards, die dann von unterschiedlichen Fachjurys bewertet und die jeweiligen Preisträgerfilme bestimmt werden. In der zweiten Stufe schauen wir uns die am besten bewerteten Filme nochmals genauer an und stellen hieraus das Programm final zusammen, was sich aber auch nochmals auf einen Zeitraum von in etwa vier bis fünf Wochen erstreckt.

Nach welchen Kriterien werden die Filmpreise verliehen und wer darf mitstimmen?

Wir verleihen insgesamt elf Filmpreise in zehn Kategorien im Gesamtwert von über 13.000 Euro. Alle Kurzfilme, die wir im Programm haben, sind für den Filmpreis der Kulturstiftung der Sparkasse Karlsruhe, mit 2.500 Euro Preisgeld unser höchstdotierter Award, nominiert. Ein besonderes Festival-Highlight ist zudem der Filmpreis der Stadt Karlsruhe, ein Publikumspreis, bei welchem das Publikum in sechs Vorrundenblöcken bestimmt, welcher Film ins Finale am Samstag kommt. Der Newbie Award, in diesem Jahr erstmals gestiftet von der Messe Karlsruhe, geht an das beste Erstlingswerk, der Female Award an die Arbeit einer Regisseurin, gestiftet von der Stadt Karlsruhe anlässlich der Europäischen Kulturtage, und der Indie Award an den besten abendfüllenden Spielfilm, gestiftet von der IAVF GmbH. Der Roncalli-Filmpreis geht an einen Film, der sich in außergewöhnlicher Art mit dem interreligiösen Dialog beschäftigt, und der Underground Award an einen Kurzfilm, der sich auf besonders künstlerische Art und Weise mit dem Medium Film auseinandersetzt. Wir verleihen zudem den von Vollack gestifteten Filmpreis für den besten Schauspieler und die beste Schauspielerin, den Best Short Shortfilm für einen Kurzfilm bis maximal fünf Minuten Laufzeit, gestiftet von den BNN, sowie den Best Filmcomposers Award für die beste Filmmusik. Speziell ausgewählte Fachjurys wählen dann aus den nominierten Filmen den Preisträger aus.

© Fugefoto

© Fugefoto

Welche waren bisher Eure persönlichen Filmhighlights und warum?

Mit Blick auf die Independent Days ist das für mich wirklich schwierig zu beantworten. Das sind für mich Filme, an die ich mich auch heute noch gut erinnern kann, weil sie bei mir irgendetwas ausgelöst haben. Ich denke hier zum Beispiel an "MeTube 2: August sings Carmina Burana" von Daniel Moshel, der 2017 den Short Shortfilm Award der BNN gewonnen hat und ein surreales, leicht verstörendes Filmwerk darstellt, das ich mittlerweile bestimmt ein dutzend Mal gesehen habe und bei dem ich noch immer durch seine Komplexität etwas Neues entdecken kann. Oder "Entschuldigen Sie, ich suche den Tischtennisraum und meine Freundin" von Bernhard Wenger, der beide Hauptpreise abgeräumt hat, eine melancholische Komödie mit einem grandiosen Hauptdarsteller. Ebenfalls gut in Erinnerung geblieben ist mir "Prisoner of Society" von Rati Tsiteladze, der die sehr tragische Situation eines Transgenders in Georgien dokumentarisch eingefangen hatte. Uns ist es ein Anliegen, auch schwierigen Themen eine Plattform zu geben, die sich jenseits des Mainstreams bewegen.

© IDIF; Aus: "MeTube 2: August sings Carmina Burana" von Daniel Moshel

© IDIF; Aus: "Entschuldigen Sie, ich suche den Tischtennisraum und meine Freundin" von Bernhard Wenger

Ihr seid auf dem aktuellsten Stand, das Publikum muss sich jetzt gedulden! Was erwartet uns bei den kommenden Independent Days im Herbst? Auf welche Filmproduktionen können wir uns freuen?

Gezeigt werden 162 Filme aus 40 Ländern. Wir werden das Programm, das wir für den April geplant hatten, in nahezu gleicher Weise dann im Herbst, voraussichtlich Ende Oktober, spielen. Hinzu kommen Workshops und Rahmenprogramme, zum Beispiel auch unsere Filmparty im Club "Die Stadtmitte". Auch freue ich mich auf die beiden Filmprogramme, die wir erstmals im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien zeigen, unser Beitrag zum neuen Label Karlsruhe - UNESCO-Creative City of Media Arts. Ich freue mich auf den Austausch mit den Filmemachern, die bis dahin hoffentlich wieder anreisen dürfen, und natürlich hoffe ich, dass bis dahin dann auch die Corona-Krise überwunden ist, damit wir unseren runden 20. Geburtstag ganz ohne Sorgen gemeinsam mit unserem Publikum angemessen feiern können. Hierbei freue ich mich auch auf unsere Retrospektive mit Kurzfilmklassikern der früheren Festivalausgaben, denn hier wird sich die Entwicklung der unabhängigen Filmszene hervorragend ablesen lassen.

© IDIF

Um dem Publikum die Wartezeit bis zu den Independent Days im Herbst zu versüßen, habt Ihr die You-Tube-Sendung "Kurzfilm vs. Corona" entwickelt. Wie kam es zu der Idee? Was können wir dort täglich sehen?

Das neue Online-Format "Kurzfilm vs Corona" veröffentlicht jeden Tag einen Kurzfilmbeitrag aus dem INDEPENDENT DAYS-Umfeld auf dem YouTube-Kanal des Filmboard Karlsruhe. Die ausgewählten Kurzfilme stammen aus dem Programm früherer Festivalausgaben. Mit dem Online-Projekt wollen wir in Zeiten, in denen viele Menschen orientierungslos, verzweifelt und gefrustet sind und der weiteren Entwicklungen harren, einen kulturellen Lichtblick setzen. Nahezu alle Kulturveranstalter mussten ihre Häuser schließen, weshalb wir den Kulturbegeisterten mit unserem Online-Angebot ein wenig Freude und Hoffnung auf die heimischen Bildschirme bringen wollen, bis die Pandemie hoffentlich bald überwunden ist.

© Filmboard Karlsruhe e.V.

© Filmboard Karlsruhe e.V. ; Nadine und Mops Lola

Vielen Dank für das Interview, lieber Oliver! Wir freuen uns schon sehr auf das Independent Days Filmfest im Herbst!

Niemand muss Kulturhunger leiden! Dass unsere Kultureinrichtungen in der Zwangspause keineswegs pausieren, sondern mehr und mehr kreative Angebote auf der digitalen Schiene aufziehen, könnt Ihr hier sehen:

www.karlsruhe-tourismus.de/smartathome/kultur 

Bleibt gesund! Reinschauen, mitmachen und Kultur tanken!