Ritter - Landespatron - Jugendidol

Markgraf Bernhard II. von Baden

Zur Führung

Jennifer und Lena

Seit Ende Mai taucht das Generallandesarchiv Karlsruhe in die (Rezeptions-)Geschichte des Markgrafen Bernhard II. von Baden ein. 1769 – vor 250 Jahren – seliggesprochen, ist er nicht nur Namensgeber des derzeitigen Prinzen von Baden, sondern auch ein junger Ritter, der noch Jahrhunderte nach seinem Tod für die verschiedensten politischen Zwecke ins Spotlight gerückt wurde.

Ein galanter junger Mann auf Kreuzzug?

Es ist ein heißer Montagnachmittag und das Generallandesarchiv an der Nördlichen Hildapromenade zieht uns in den Bann seiner Klimaanlage. Dr. Martin Stingl und Prof. Dr. Wolfgang Zimmermann – Direktor des Generallandesarchivs – haben sich jede Menge Zeit genommen, um uns exklusiv mit der neuen Sonderausstellung zu Markgraf Bernhard II. in die badische Geschichte zu entführen.

Wir müssen zugeben: Neben den Gästeführern, die uns Gesellschaft leisten, verblasst unser Vorwissen: Wer war dieser junge Bernhard, der 1458 mit kaum 30 Jahren im beschaulichen Moncalieri bei Turin der Pest erlag? Und warum begrüßt uns am Eingang die metallene Wetterfahne der Karlsruher Bernharduskirche – ein Abbild des jungen Recken? Prof. Zimmermann stellt schnell klar: Hier geht es nicht einfach um die spärlich bekannten Details zu Bernhards Leben – vielmehr um sein Nachleben bis ins 20. Jahrhundert: seine Verehrung im Spiegel der Zeit und die „Etiketten“, die ihm bis dahin des Öfteren aufgeklebt wurden.

Ein Blick in die Ausstellung: Nicht nur kostbare Manuskripte, sondern auch jahrhundertealte Statuen sind hier ausgestellt.

Das älteste Besitztum des Hauses Baden ist diese in den 1480er Jahren entstandene Andachtstafel des jüngst verstorbenen Bernhards.

Ein Mann mit Loch im Kopf?

Tatsächlich befinden sich alle harten Fakten zu Bernhard im Generallandesarchiv in Karlsruhe. Der zweite von zwei Söhnen, verzichtete er auf die Mitregentschaft Badens und trat nicht häufig als Politiker zutage. In Wien ließ er jedoch das Testament seines Vaters bestätigen und reiste im Mai 1458 nach Italien, wo er bereits am 15. plötzlich verstarb. In Moncalieri, einer Kleinstadt im Piemont, sorgte das Ableben des ansehnlichen jungen Fürsten für großes Furore: Es dauerte nicht lange, bis Bernhard kurzerhand zum Stadtheiligen erklärt wurde. Schon beim Requiem sollen sich nämlich unerklärliche Wunderheilungen ereignet haben – Papst Pius III. erklärte prompt, Bernhard sei fama sanctitatis verstorben.

Aber weshalb war Bernhard überhaupt in Italien? Hier scheiden sich seit Jahrhunderten die Geister. Von einer Pilgerreise nach Jerusalem bis zu diplomatischen Missionen in Genua scheint vieles möglich. Von einem militärischen Kreuzzug in den Nahen Osten ist den Zeitgenossen allerdings nichts bekannt – erst viel später wurde Bernhard dieses Image zugeschoben.

Sehr bald jedenfalls lässt seine Familie zu Hause eine Gedenktafel für Bernhard errichten – wohl das älteste Besitztum des heutigen Hauses Baden. Sein Andachtsbild noch aus den 1480er Jahren zeigt ihn stolz mit Banner, jugendlichem Haarschnitt und vor dem typisch religiösen Goldgrund. Einen Heiligenschein allerdings erhält er hier noch nicht. Sein Neffe, Markgraf Christoph, setzt ihm diesen jedoch auf – in seinem wunderbar illustrierten Stundenbuch. Auch Gedenkmünzen lässt er zu Beginn des 16. Jahrhunderts für seinen verstorbenen Onkel („O, beatus Bernardus!“) anfertigen.

Eine kleine Anekdote verrät uns Prof. Zimmermann: Der hölzernen Bernhard-Statue ist ihr Heiligenschein im Laufe der Jahrhunderte abhandengekommen – alles, was geblieben ist, ist eine Bohrung im Kopf des Seligen.

Prof. Dr. Zimmermann könnte viele Worte verlieren zur ellenlangen Ahnentafel des Hauses Baden.

Frische Druckertinte und Ehrenprägungen: Bernhard wird gefeiert.

Ein Heiliger der Reformation? Und auch noch der Türkenkriege?

In der Bevölkerung ist Bernhard vorerst jedoch weniger von Bedeutung. Seine Dynastie verehrt ihn mal mehr, mal weniger; die Bewohner von Moncalieri nutzen ihn als „alltagstauglichen“ Stadtpatron. In Savoien wird er hingegen im 17. Jahrhundert quasi zum „Chefdiplomaten“ erhoben: Als Kreuzzugsanführer des Spätmittelalters sei er ein grandioser „Türkenkämpfer“ gewesen, analog zu seinem Nachfahren Ludwig Wilhelm, dem berühmten badischen „Türkenlouis“, der ab 1683 große Erfolge gegen die Osmanen verbuchen konnte. Der Italiener Mombello dichtet gar eine Lobeshymne auf Bernhard und sein Haus – der Markgraf wird zum Politiker.

Im 18. Jahrhundert holt ihn sein Nachkomme Großherzog August Georg zusätzlich aus der Versenkung: Als ersichtlich wird, dass August keine Erben hinterlässt, steht die katholische Linie der Baden-Badener vor dem Aus. Ungeschickt, dass um 1700 auch noch die örtliche Reliquie des Bernhard abhandengekommen ist. 1727 holt August daher den schützenden Arm seines Vorfahren aus dem Grab in Moncalieri. Dass der Knochen eigentlich ein Bein ist, ist erst einmal zweitrangig – „Ein schützendes Bein macht sich metaphorisch nicht so gut“, scherzt Prof. Zimmermann. Amüsant lesen sich wohl auch August Georgs Reiseberichte: Während er von frommen Taten und schlimmen Unwettern spricht, die ihn von einer rascheren Rückreise abhalten, erzählen Quellen seines Begleittrosses von zahlreichen Kartenspielen und Trinkgelagen.

Zusätzlich legt sich August in Rom ins Zeug: Im Schnellverfahren wird Bernhard II. erfolgreich seliggesprochen – ein letztes symbolisches Bollwerk der katholischen Linie, als die Besitzungen nach Augusts Tod zurück an die evangelischen Baden-Durlacher fallen. Der Großherzog macht den mittelalterlichen Bernhard zu seinem konfessionellen Nachfahren.

Vermittler zwischen neuzeitlichem Staat und Kirche?

Der nun selige Bernhard erhält seine eigene Liturgie im Kirchenkalender – 1770, ein Jahr nach der Seligsprechung, wird er zum offiziellen Landespatron Badens erhoben. Prof. Zimmermann berichtet uns von vier Tagen Gaudi für die Bevölkerung: Kinder erhalten zum Bernhardus-Fest maßgeschneiderte Kleider, Bernhardusbrote werden verteilt, Münzen geprägt, Andachtsbilder in Kirchen aufgehängt – eine regelrechte Kultpropaganda wird ins Rollen gebracht.

Dr. Martin Stingl, der für die Neuzeit zuständig ist, weiß: Im evangelischen Karlsruhe wird Bernhard aber geflissentlich ignoriert, wo es nur geht. Unpraktisch für die evangelischen Herrscher, dass das Freiburger Münster, welches Bernhard ebenfalls zum Schutzpatron erhoben hat, kurz darauf zum Zentrum der neuen Erzdiözese wird! Auch 2/3 der Bevölkerung sind nach wie vor katholisch und lehnen sich zusehends gegen das Staatskirchensystem des 19. Jahrhunderts auf. Hermann von Vicari, der Freiburger Erzbischof, will es schließlich wissen: Er stellt sich gegen die weltliche Verwaltung und weigert sich, für den verstorbenen Großherzog Messen zu lesen. Der 50 Jahre jüngere Nachfolger, Friedrich I., lenkt ein und nach zähem Ringen mit dem Repräsentantenhaus werden Reformen eingeführt. Landespatron Bernhard wird „reaktiviert“ und geht als Vermittlergestalt zwischen zwei Gewalten hervor. Erneut wird er überregional als Ikone gefeiert – mit Banner, Rüstung und jugendlichem Haarschnitt.

Als zusätzliches Entgegenkommen stiftet der evangelische Großherzog auch den Baugrund für die heutige Bernharduskirche am Durlacher Tor und zeigt damit: Man kann sowohl seiner Konfession als auch seinem von Gott bestellten Herrscher treu sein.

Ein Idol für die Nachkriegsjugend?

Nach dem 2. Weltkrieg schließlich erhält Bernhard wieder ein altes Kleid: Statt als wackerer Kämpfer gegen die Sarazenen oder Osmanen verkörpert er nun die Werte des christlichen Abendlandes gegenüber dem Russen im Osten. Osteuropa wird zum Kreuzzug im Orient stilisiert. Sein Ruhm kulminiert 1958 zum 500. Todesjubiläum in einem extrem erfolgreichen Bernhardusjahr, das die gesamte Jugend mit Liedern, Wallfahrten und Festzügen mitreißen soll.

Doch wie wir erfahren müssen, hielt dieser Siegeszug nicht lange: Ab den 60er Jahren versank Bernhard, der hübsche Jüngling mit der badischen Fahne, wieder in Vergessenheit und scheitert noch bis ins 21. Jahrhundert daran, im Vatikan zum Heiligen erhoben zu werden.

Dr. Martin Stingl berichtet vom Mächteringen zwischen dem Freiburger Erzbischof und den evangelischen Großherzögen.

Der selige Bernhard wird in Postern und Liedern wieder zum Leben erweckt.

Etwas peinlich berührt, wie wenig wir über die badische Geschichte wissen, müssen wir früher oder später wieder in die sommerliche Hitze der Weststadt zurück und wünschen uns ins idyllische Moncalieri im Piemont – aber bitte ohne Pest-Zwischenfälle.

Neugierig geworden, die alten Manuskripte, kunstvoll gewebten Teppiche und wundervollen Faksimiles einmal aus nächster Nähe zu sehen? Zahlreiche Vorträge und Kuratorenführungen zur Ausstellung findet Ihr unter www.landesarchiv-bw.de.

 

Öffnungszeiten: 21. Mai – 22. November 2019

Dienstag – Donnerstag 8.30–17.30 Uhr

Freitag 8.30–19.00 Uhr

Sonntag 13–17.30 Uhr

Montags und samstags sowie an Feiertagen geschlossen

Eintritt frei – Führungen nach Vereinbarung