Licht und Leinwand

Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert

Zum Kampfring

Vanessa

Plötzlich war es da – das nahezu perfekte Abbild der Realität und mit ihm war ein Konkurrenzkampf ausgebrochen, der bis in die Gegenwart hinein in seinen Grundzügen zu spüren ist: Fotografie vs. Malerei! Doch ähnlich wie bei einem Unentschieden im Boxkampf, wo beide Sportler gemeinsam triumphieren dürfen, musste auch im 19. Jahrhundert niemand den Ring für den Sieger verlassen. Das wechselvolle Verhältnis zwischen Fotografie und Malerei war dennoch so spannend, dass die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe den beiden Kunstformen eine Ausstellung gewidmet hat.

Ringrunden

Das Kampf zwischen Fotografie und Malerei wird in elf statt zwölf Runden (alias Kapitel) ausgetragen. Nicht jede Runde findet in einem neuen Ausstellungssaal statt, aber jedes Kapitel setzt einen neuen Fokus auf das Duell. Während einige Hoheitsansprüche und Existenzängste der beiden Kunstformen auch noch heute nachzuvollziehen sind, werden andere dem Besucher in der Ausstellung erst wieder ins Bewusstsein gerufen. Im Beitrag schauen wir uns nun einige Runden intensiver an.

Pinsel und Palette schaffen großartige Werke.

Eine aufwendige Apparatur und komplexe chemikalische Prozesse bilden die Realität nahezu detailgetreu ab.

Runde 1: Porträtmalerei vs. Daguerreotypie

Wie viele Künstler um 1840 sicherte sich auch der Maler Friedrich von Amerling seinen finanziellen Unterhalt durch die Porträtmalerei. Sein Bildnis der „Freifrau Cäcilie von Eskeles“ (1832) zeigt die Dame mit einem Miniaturbildnis ihrer Kinder in der Hand. Doch die Kunstform musste sich ab den späten 1850er Jahren gegen die Daguerreotypie duellieren, die kleine nahezu perfekte Abbilder der Realität schuf. Ihr milchiger verschwommener Anblick, der an heutige Filter in Photoshop erinnert, bedeutete neben der langen Belichtungszeit, die den Einsatz von Kopfhaltern erforderlich machte, einen ästhetischen Rückschritt. Trotzdem starben die malerischen Miniaturbildnisse förmlich aus, dafür erfreuten sich die großen repräsentativen Porträts weiterhin großer Beliebtheit. Das Ausstellungszitat aus der Zeitschrift "Der Humorist" von 1842 untermalt die Ängste bildendender Künstler aus dem 19. Jahrhundert treffend: „Wer wird künftig malen, wenn die Daguerreotypie Bilder der Welt heißhungrig verschlingt?“

Das Bildnis der "Freifrau Cäcilie von Eskeles“ im Hintergrund bekommt Konkurrenz von Daguerreoytpien im Vordergund.

Ziemlich statisch wirkten die ersten Daguerreotypien durch die Kopfstützen, was hier satirisch dargestellt wurde.

Runde 3: Historienmalerei vs. Historienfotografie

Die Fotografie entstand in einer Zeit, in der Historienbilder hoch im Kurs standen. Doch während die Malerei mit Fantasie und Abstraktion beispielsweise Faust und Margarethe auf die Leinwand bringen kann, muss eine Fotografie erst liebevoll inszeniert werden mit Hilfe von Kostümen und Requisiten. Szenen zu Alfred Tennysons „Idylls of the King“, Freshwater, Isle of Wight“ 1874/75 von Julia Margaret Cameron sollten in der Ausstellung besonders aufmerksam betrachtet werden. Die einzige Künstlerin und Fotografin der Ausstellung lichtete Verwandte und Freunde in liebevoller und aufwendiger Kostümierung ab. Dabei gelang es ihr, Emotionen darzustellen und Ironie zu verarbeiten, die der Malerei in nichts nachstanden und ihr teils sogar voraus waren.  

Zwei Aufnahmen von Julia Margaret Cameron

Julia Margaret Cameron war eine Fotovisionärin!

Runde 4: Aktmalerei vs. Aktfotografie

Die „Ruhende Nymphe“ (1870) von Anselm Feuerbach transportiert Nacktheit über einen mythologischen Rahmen. Im Gegensatz zu Aktfotografien wirken die Aktmalereien weniger unmittelbar, abstrahieren und ästhetisieren die Weiblichkeit und Männlichkeit. Fotografien arbeiten hingegen mit einer realen Person, deren Augen aus dem Bild stechen. Bis ins 19. Jahrhundert wurde der Kauf von Aktfotografien streng geahndet. So musste sich die Aktfotografie jedenfalls offiziell der Sexualmoral des 19. Jahrhunderts geschlagen geben.    

Die „Ruhende Nymphe“ (1870) von Anselm Feuerbach

Selbst die Einbettung in einen mythologischen Rahmen machten Aktfotografien nicht weniger anstößig.

Runde 5: Reisemalerei vs. Stereo-Fotografie

Das 19. Jahrhundert war ein Reisezeitalter. Künstler begaben sich für eine Bildungsreise in das ferne Italien und in den Nahen Osten. Während Maler zweidimensional abbildeten, konnte die Stereo-Fotografie Räumlichkeit darstellen. Außerdem nahmen sich Maler Reisefotografien als Vorlage, um sich in ihren Bildern auf Licht und Farbe zu konzentrieren. Eine umfassende Darstellung der Reiseeindrücke lieferten letztlich nur Fotografien. Die Malerei beschränkte sich auf einzelne Komponenten, die Raum ließen für künstlerische Ausgestaltung.

"Ölstudien der Felsküste bei Étretat" (1836) von Johann Wilhelm Schirmer

Gegen detailgetreue Fotografien hatten es Reisemalereien schwer.

Runde 6: Farbenfrohes Stillleben vs. farbloses Stillleben

Henri Fantin-Latour orientierte sich für sein Bild der „Malvenstrauß“ (1882) stark an den Aufnahmen von Adolphe Brauns Stillleben. Zwar wirkt das Gemälde räumlich flach, nicht so detailgetreu wie fotografische Aufnahmen, dafür ist es farblich ausgestaltet. Das einzige Gemälde der Ausstellung aus dem 17. Jahrhundert von Henri Fantin-Latour zeigt ein Arrangement, das der Fantasie entsprungen ist. Blumen in verschiedensten Farben, Formen und Herkunft sind abgebildet.

Der "Malvenstrauß" (1882) von Henri Fantin-Latour besticht durch seine intensiven Farben.

Stillleben im Vergleich

Runde 8 bis 11: Glaube vs. Wissenschaft

Pferdedarstellungen erfreuten sich in adeligen Kreisen enormer Beliebtheit. Dabei sollten Kavallerieszenen und Porträts präzise und anatomisch korrekt auf die Leinwand gebracht werden. Der Fotopionier Eadweard Muybridge offenbarte durch seine Erfindung der Chronofotografie, dass Pferde ihre Beine nicht alle gleichzeitig strecken, wenn sie galoppieren. Dadurch galten viele malerische Arbeiten als überholt. Maler positionierten sich neu, indem sie ihren Kunstanspruch betonten, während die Fotografie als Gewerbe verstanden wurde: „Je mehr ein Maler oder Zeichner nach Fotografien arbeitet, desto mehr untergräbt er seine Beobachtungsgabe und Ausdruckskraft. Er wäre mit dem Schwimmer vergleichbar, der im Rettungsring übt“, so Walter Sickert im Jahr 1893. Doch dieser Knockout-Versuch konnte nicht zu einem K.O. führen, weil selbst Maler und Malerinnen die Fotografie still und heimlich wertschätzten. Hinter verschlossenen Türen benutzten sie Fotografien als Skizzenersatz und Malvorlage.

Maler hatten zwar den Anspruch anatomisch korrekt darzustellen, konnten diesem aber nicht immer gerecht werden.

Wie sich ein Pferd tatsächlich bewegt, konnte Eadweard Muybridge mit seiner Chronofotografie herausfinden.

Ring-Rückblick

Ein Sieger lässt sich nicht bestimmen, dafür aber festhalten, wie spannend das Duell zwischen Fotografie und Malerei von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe kuratiert wurde. Während die Fotografie im 19. Jahrhundert eine Nische im exakten, wissenschaftlichen Abbilden fand, machte die Malerei ihren Kunstanspruch geltend. Ein lustiges Gimmick bietet das Ende der Ausstellung. Hier ist ein Foto-Studio im Stil von 1850 aufgebaut, bei dem Besucher fix ein Foto machen können, das auf eigenen Wunsch Teil der Ausstellung werden kann. Die Raum-Klang-Installation im Anschluss der Ausstellung von Takashi Arai zeigt rund 30 Daguerreotypien, bei dem der Fokus auf der Einmaligkeit des Moments und der Person eines solchen Fotos liegt.     

Im Fotostudio im Stil von 1850 können sich Besucher ablichten lassen.

Eine Besucherin aus dem Fotostudio ist nun selbst Teil der Ausstellung.

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