Auf Spurensuche im Mittelalter

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Julia - Mai 2024

In Karlsruhe ist das Mittelalter-Fieber ausgebrochen! Zumindest in den Museen. Denn während das Badische Landesmuseum im Archäologischen Museum Konstanz und auf der Insel Reichenau mit einer Großen Landesausstellung das „Welterbe des Mittelalters – 1300 Jahre Reichenau“ feiert, ist auch an seinem eigentlichen Heimatort, der Fächerstadt, Einiges los, wie auch unser kurzer Überblick schon gezeigt hat.

Korrespondenzausstellung zur Großen Landesausstellung "Welterbe des Mittelalters" | Bis 09.08.2024 | Generallandesarchiv Karlsruhe

In gleich drei Museen sind sogenannte Korrespondenzausstellungen zu sehen, die in Karlsruhe Lust auf die Ausstellung machen und verschiedene Aspekte des mittelalterlichen Lebens beleuchten. Neben den Präsentationen im Badischen Landesmuseum im Schloss selbst zu „Nur beten und arbeiten? – Aspekte klösterlichen Lebens“ und „Alte Bücher – Neue Inspirationen“ in der Badischen Landesbibliothek, wo Kunststudierende mittelalterliche Motive bearbeitet haben, zeigt das Generallandesarchiv noch bis 9. August die „Spurensuche... eine Kriminalitätsgeschichte der Reichenau“.

Blick in die Ausstellung

Das Generallandesarchiv

Eine Chronik des Verbrechens

Nachdem wir uns die Ausstellung in der Badischen Landesbibliothek schon angeschaut und im Blog berichtet haben, war das Generallandesarchiv unsere nächste Station. Spurensuche wie im True Crime-Podcast und ein mittelalterliches Kloster? Auf den ersten Blick scheint das nicht so richtig zusammenzupassen. In der Ausstellung wird jedoch schnell klar: Das passt gleich doppelt! Thema der Ausstellung ist nämlich die Geschichte der Verbrechen auf der Reichenau. Die wurden damals im sogenannten „Malefizbuch“ festgehalten, einem der zentralen Objekte, die in der Ausstellung zu sehen sind. Von 1450 bis 1590 wurde in diesem Buch alle zu regelnden Unglücksfälle aufgelistet, vom Unfall bis hin zum Diebstahl oder Mord. Das gibt uns heute nicht nur einen spannenden Überblick über die Geschichte der Insel: Auch der Blick auf das Verbrechen steht in der Ausstellung im Mittelpunkt.

Zeichnung des Stadtschreibers Dr. Hector Dornsperger: Hinrichtung eines Diebes, 1601 (Stadtarchiv Konstanz)

Das Reichenauer Malefizbuch von 1590 (LABW, GLAK)

Was früher ein Verbrechen war, kommt uns heute vielleicht absurd vor. So waren zum Beispiel Hexenverbrennungen oft noch an der Tagesordnung, ein Kind mit Behinderung wurde aufgrund einer scheinbaren dämonischen Besessenheit ausgehungert und eine Frau, die ein Kind mit einem Priester bekam, wurde bestraft, während der Mann unbescholten davonkam. Bei vielen Grundsätzen des damaligen Rechts kommt man heute ins Schaudern. Auch die Grausamkeit der Bestrafung wird deutlich, wenn man etwa die Eisenkette betrachtet, die von der Hinrichtungsstätte zu Allensbach stammt, an der vermutlich Menschen zur Verbrennung festgekettet wurden. Hier ist man wirklich froh, nicht im Mittelalter geboren zu sein!

Eiserne Kette von der Hinrichtungsstätte zu Allensbach (Archäologisches Landesmuseum)

Darstellung einer Hexenverbrennung

Wer berichtet über Verbrechen?

Ein weiterer spannender Punkt, den die Ausstellung beleuchtet, ist die meist einseitige Perspektive auf die Verurteilten. Denn nur die Urteilenden hatten damals Zugang zu den entsprechenden Büchern, wodurch Angeklagten oft keine wirklichen Verteidigungsmöglichkeiten blieben. Wie ihr Blick auf ihre Taten war und welche Gründe es gegeben hatte, bleibt in den Chroniken der Zeit ungesagt. Dass die Fragwürdigkeit der Rechtssprechung ebenfalls schon früh bekannt war, zeigt unter anderem die Popularität von Figuren wie Till Eulenspiegel oder Reineke Fuchs. Mit ihren Abenteuern, auf denen sie immer wieder mit Verbrechen davonkommen, begeisterten sie die Leser:innen schon damals und sind ein lebendiges Zeugnis des Rechtsbildes, das im Mittelalter vorherrschend war.

Darstellung von "Till Eulenspiegel", 1515

Die „Spurensuche“ zeichnet anhand der Dokumente von der Reichenau ein vielseitiges Bild des mittelalterlichen Rechts und nimmt so nicht nur True Crime-Fans mit auf eine Zeitreise. Anhand einzelner Eintragungen, die individuelle menschliche Schicksale nacherzählen, wird die Lebensrealität des Mittelalters greifbar und zeigt eindrucksvoll, wie das Leben der Menschen ausgesehen hat und welche Themen sie beschäftigten.

„Spurensuche“

Noch bis 9. August im Generallandesarchiv
Nördliche Hildapromenade 3
76133 Karlsruhe

Dienstag bis Donnerstag: 8.30 - 17.30 Uhr
Freitag: 8.30 - 19 Uhr
Sonntag: 13.00 - 17.30 Uhr
Montags, samstags und an Feiertagen geschlossen

Eintritt frei

Kuratorenführungen durch die Ausstellung finden am 16.05., 13.06. und 11.07.2024 jeweils um 17 Uhr statt. Weitere Führungen sind nach Vereinbarung möglich.

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