Interview: Desiree Kabis

Hinter den Kulissen der Medienkunst in Karlsruhe

von Lena Zeiler

02.09.2026

Karlsruhe ist UNESCO Creative City of Media Arts!

Entdeckt in unserer neuen Reihe, was Medienkunst für die Kunstschaffenden bedeutet, was hinter den Kulissen der Medienkunststadt Karlsruhe passiert und lernt Persönlichkeiten der Karlsruher Kunstszene kennen. Für diesen Beitrag durften wir mit Desiree Kabis sprechen. 

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Wer bist du und was definiert deine künstlerische Praxis?

Mein Name ist Desiree Kabis, ich bin queere Künstler*in und Designer*in und lebe und arbeite seit 2012 in und um Karlsruhe. Studiert habe ich Kommunikationsdesign und Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe sowie an der Kyushu University in Fukuoka, Japan. Seit meinem Abschluss 2020 arbeite ich als freie Künstler*in und Designer*in und stelle meine Arbeiten auch international aus.

Ich arbeite vor allem visuell, interdisziplinär, erzählerisch und poetisch. In meinen Multimedia-Arbeiten beschäftige ich mich mit queeren Perspektiven in der Natur und nicht-menschlicher Wahrnehmung. Mich interessiert dabei besonders, wie immersive und interaktive Erzählformen andere Perspektiven und Erfahrungsräume eröffnen können.

Die Videoarbeit “Electric Animal” beschäftigt sich mit der Wahrnehmung eines elektrischen Tiers. https://www.lichtsicht-triennale.de/Project/electric-animal.html 

„Ancient Connections“ ist ein Soundwalk aus der Perspektive von Trans-Bäumen im Nymphengarten. https://dkabis.de/ancient-connections/

Der Soundwalk entstand aus „My name is Samanea Saman“, einer Arbeit, die im Austausch mit der UNESCO City of Media Arts Cali, Kolumbien am Samán Baum des Museo La Tertulia entstanden ist. https://www.cityofmediaarts.de/de/werke/my-name-is-samanea-saman-2023/

Meine aktuelle Arbeit „Through Moss-Colored Glasses” ist eine interaktive Installation am Naturkundemuseum Pavillon und Regierungspräsidium im Rahmen von “Media art is here“. Die Installation beschäftigt sich mit der Wahrnehmung von Moosen, und lädt ein zum Entschleunigen und Reflektieren. https://mosscovered.net/

Was bedeutet Medienkunst für dich – und warum bist du in einer oder mehreren Disziplinen unter diesem Schirm tätig?

Medienkunst erlaubt mir, in die Sichtweisen und Perspektiven anderer einzutauchen und meine Erfahrungen zu reflektieren und zu teilen. Medienkunst gibt mir die Freiheit, mit verschiedenen Ausdrucksformen zu experimentieren und spielerisch und immersiv in Verbindung mit Betrachter*innen zu treten.

Obwohl ich mich während meines Studiums zunächst auf Grafikdesign konzentrierte, entdeckte ich später das Bewegtbild und das räumliche Arbeiten für mich. Das Studium an der HfG ist jedoch von Anfang an interdisziplinär angelegt: Man kommt schnell mit den verschiedenen Fachbereichen in Berührung, lernt miteinander und voneinander. Deshalb verstehe ich meine eigene Praxis nicht als klar einer einzelnen Disziplin zugehörig. Die verschiedenen Medien und Disziplinen sind für mich vielmehr Werkzeuge, die sich gegenseitig ergänzen und im Zusammenspiel eine bestimmte Atmosphäre, Erzählung oder Erfahrung erzeugen.

Wie entstehen deine Werke – von der Idee bis zur Umsetzung?

Inspiration ist für mich überall – in einem Song, einem Film, einer Begegnung. Ich beobachte gerne, was um mich herum geschieht – wie das Licht durch die Blätter fällt oder wie Menschen sich verhalten.

Wie daraus schließlich ein Kunstwerk wird, unterscheidet sich immer von Projekt zu Projekt. Ich habe keinen festen Ablauf, sondern lasse mich gerne auf den jeweiligen Prozess ein. Dabei arbeite ich oft multimedial und interdisziplinär und probiere unterschiedliche Techniken und Ausdrucksformen aus. Ein wichtiger Teil meiner Arbeitsweise ist für mich auch das Lernen: Ich versuche, mit jedem Projekt etwas Neues zu entdecken, mir neue Fähigkeiten anzueignen und mich auf neue Dinge einzulassen.

Welche Rolle spielt Karlsruhe für dich als Ort deiner künstlerischen Arbeit?

Karlsruhe ist für mich vor allem durch mein Studium an der HfG zu einem wichtigen Ort geworden. Dort habe ich ein kreatives Netzwerk gefunden, das bis heute besteht und mittlerweile weit über Karlsruhe hinausreicht. Gleichzeitig bin ich in den vergangenen Jahren immer wieder von Stadt zu Stadt gezogen und habe an unterschiedlichen Orten gelebt und gearbeitet – aber irgendwie führen für mich alle Wege zurück nach Karlsruhe.

Ich schätze an der Stadt besonders die Verbindung aus einer lokalen Kunst- und Medienkunstszene und der Möglichkeit, sich international zu vernetzen. Durch Karlsruhe als UNESCO Creative City of Media Arts entstehen immer wieder Möglichkeiten für internationalen Austausch, an denen ich selbst bereits teilnehmen konnte. Besonders die Begegnungen und Projekte mit den UNESCO Creative Cities of Media Arts Cali in Kolumbien und Modena in Italien sind mir dabei positiv in Erinnerung geblieben. Für mich ist Karlsruhe deshalb sowohl eine Art künstlerische Basis als auch ein Ausgangspunkt für Verbindungen in andere Städte und internationale Kontexte.

Was möchtest du mit deiner Kunst beim Publikum auslösen, anstoßen oder hinterfragen?

Mit meiner Kunst möchte ich vor allem Momente schaffen, in denen man kurz innehält und die eigene Perspektive verlässt. Ich versuche das auch selbst immer wieder: Dinge aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und wahrzunehmen, dass meine eigene menschliche Erfahrung nur eine von vielen möglichen ist. Genau diese Erfahrung möchte ich mit meiner Arbeit teilen.

Queere Perspektiven spielen dabei eine große Rolle für mich. Mich interessiert, wie wir bestimmte Vorstellungen von Identität, Körper, Natur oder Zusammenleben als selbstverständlich wahrnehmen – und was passiert, wenn wir diese hinterfragen oder anders betrachten. Meine Arbeiten sollen dabei weniger konkrete Antworten geben, sondern Räume für Spiel und Reflexion öffnen, in denen andere Sichtweisen, Erfahrungen und Formen des Wahrnehmens möglich werden.

Desiree Kabis, Tanja Meißner, Kira Adams - Electric Animal, 2020/2021, Lichtsicht 7 Projektionstriennale, Bad Rothenfelde © Angela von Brill

Was wäre dein Wunsch für die Medienkunst der Zukunft – lokal oder global?

Für die Zukunft wünsche ich mir ein umfassenderes Verständnis für Medienkunst. Die Magie der Erfahrung versteckt gerne, wie viel finanzielle, technische, körperliche und emotionale Arbeit dahinter steht.

Hier in Karlsruhe haben wir das Privileg, mit der HfG, dem ZKM und dem UNESCO-Programm Strukturen zu haben, die viele Möglichkeiten bieten, mit Medienkunst in Berührung zu kommen. Gerade Arbeiten und Formate im öffentlichen Raum schaffen einen niedrigschwelligen Zugang und erreichen Menschen, die nicht unbedingt gezielt eine Ausstellung im Museum besuchen würden. Dadurch können Begegnungen entstehen und Diskurse angestoßen werden.

Ich wünsche mir mehr Räume und Möglichkeiten, in denen Medienkunst kontinuierlich stattfinden und sichtbar werden kann: feste Orte, regelmäßige Veranstaltungen und Formate, die Begegnung und Austausch ermöglichen. Gleichzeitig wünsche ich mir bessere und langfristigere finanzielle Strukturen für Künstler*innen, damit experimentelle Arbeiten entstehen können, ohne dass ihre Realisierung immer wieder an knappen Ressourcen hängt.

Hat sich deine Praxis verändert, seit wir den Titel UNESCO City of Media Arts haben? 

Durch den Titel als UNESCO City of Media Arts sind neue Verbindungen und Begegnungen entstanden, durch die auch mein eigenes Netzwerk gewachsen ist. Besonders schön finde ich dabei den internationalen Austausch mit Künstler*innen und Kreativen aus anderen Städten und Kontexten.

Ich habe große Freude daran, mich mit anderen auszutauschen und unterschiedliche Sicht- und Arbeitsweisen kennenzulernen. Dass das UNESCO-Netzwerk wächst und sich immer mehr Städte miteinander verbinden, finde ich sehr bereichernd.

Welcher ist dein Lieblingsort für Medienkunst in Karlsruhe?

Es gibt viele interessante Orte für Medienkunst in Karlsruhe, deshalb fällt es mir schwer, einen einzigen Lieblingsort zu nennen. Mich reizen oft gerade die Orte, die zunächst gar nicht unbedingt als klassische Kunstorte gedacht sind.

Aus dem Umfeld der HfG und der Kunstakademie sind zum Beispiel Projekträume wie das ßpace und COLA TAXI OKAY hervorgegangen, die Möglichkeiten für Austausch und experimentelle Formate schaffen. Aber auch Orte wie die Kinemathek und der Alte Schlachthof sind für mich wichtige Bestandteile der Karlsruher Kulturlandschaft.

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