Interview: Digitaltheater am Badischen Staatstheater
Hinter den Kulissen der Medienkunst in Karlsruhe
Karlsruhe ist UNESCO Creative City of Media Arts!
Entdeckt in unserer neuen Reihe, was Medienkunst für die Kunstschaffenden bedeutet, was hinter den Kulissen der Medienkunststadt Karlsruhe passiert und lernt Persönlichkeiten der Karlsruher Kunstszene kennen. Im siebten Teil der Reihe durften wir mit Kevin Barz, Leiter des Digitaltheaters am Badischen Staatstheater, über seine Arbeit sprechen.
Was begeistert Dich persönlich am Digitaltheater, und was macht diese besondere Verbindung von Theater, Technologie und neuen Erzählformen für Dich aus?
Digitaltheater ist eine Suche nach neuen Formen und Inhalten, ohne das zu vergessen, was Theater ausmacht: den Menschen. Wir überlegen immer wieder, wie wir die Phänomene aus Internet, KI und Digitalisierung in unser Theater übersetzen können. Und da wird manchmal ein berühmtes YouTube-Video genau so wichtig, wie ein Schiller oder Goethe. Und das gefällt mir, denn Kultur ist mehr als ein historischer Kanon. Kultur ist etwas, das jetzt gerade passiert und die Menschen bewegt und worin sie sich wiedererkennen können. Und das ist vielleicht momentan öfter das Internet als ein altes Theaterstück, das irgendwo ausgegraben wird.
Was macht die Arbeit im Digitaltheater am Badischen Staatstheater Karlsruhe für Dich besonders spannend – gerade auch mit Blick auf die Möglichkeiten, die dieses Format eröffnet?
Das Badisches Staatstheater ist ein wunderbares Haus mit tollen Sparten und Gewerken, und mit allen können wir als Digitaltheater zusammenarbeiten. Unseren Ideen sind keine Grenzen gesetzt und wir müssen uns gar nicht auf eine Gattung von Kunst festlegen. Im Digitaltheater können wir das ausnutzen, was ein Mehrspartenhaus wie Karlsruhe ausmacht: alle Künste unter einem Dach. Und manchmal erfinden wir auch ganz eigene, neue Dinge, die es vorher im Theater nicht gab und die auf den ersten Blick nichts mit „Theater“ zu tun haben. Aber nur auf den ersten Blick, denn beim zweiten Hinschauen bemerkt man dann, wie viel Unterhaltung, Erinnerung und Empfinden bei einem „Super Mario Kart“-Turnier beim Publikum gemeinsam entstehen kann. Und das mach doch Theater aus.
Mit „Digitaltheater XXL“ steht Ende April ein Festival an, das diese Sparte noch einmal besonders in den Mittelpunkt rückt. Was erwartet die Besucher:innen, und was macht es auch für sie so besonders?
Wir haben Lust, zusammen mit Karlsruhe mal drei Tage richtig Party zu machen -- dafür ist das Kleine Haus des Theaters einfach spitze. Wir eröffnen unser dreitägiges Festival am Freitag, den 24.04 mit unserem Stück „Broadcast Yourself“, einem ziemlich innovativen Abend über 20 Jahre YouTube, da spielen wir über 300 YouTube Videos live nach. Das geht wirklich lustig los und regt am Ende aber auch zum Nachdenken an. Den Abend spielen wir sonst im Neuen Entrée und für diese allerletzte Vorstellung von „Broadcast Yourself“ kapern wir ausnahmsweise mal das Kleine Haus, also nicht verpassen! Am Samstag geht es dann mit unserer großen Party „Dance!“ weiter – und zwar auf der Bühne, da wo am Vortrag noch die Schauspieler:innen standen. Wir haben uns mit Mr.Pi, Flirren und DJ Preller ganz der elektronischen Tanzmusik verschrieben, und mit unserer LED-Videowall und den einzigartigen Visuals darauf verzaubern wir den Raum für eine Nacht und bieten ganz Karlsruhe, ob jung oder alt, eine Bühne um in die Nacht zu tanzen. Zum Abschluss am Sonntag feiern wir unser beliebtes Format „Let´s Play“ in der Gamesshow-Edition! Wir spielen „Familienduell“, „Ruck Zuck“, „Wer wird Millionär?“ und noch viel mehr – alles ist dabei, aber ihr müsst mitmachen! Man kann also sagen, es wird in jedem Sinne XXL.
„Digitaltheater XXL“ zeigt, wie vielfältig Digitaltheater sein kann. Auf welche Formate, Begegnungen oder Momente freust Du Dich persönlich ganz besonders?
Wir bieten einen Festivalpass an, mit dem man alle Veranstaltungen besuchen kann. Und ich freue mich tatsächlich darauf, vielleicht am Sonntag Abend nach „Let´s Play“ irgendjemanden aus dem Publikum zu treffen, der/die alles gesehen hat: von der zeitgenössischen YouTube-Performance, über die Party bis hin zu unserem Spieleformat. Wir als Digitaltheater glauben daran, dass ein Theater der Zukunft ein Ort zum gemeinsamen Schauen, Tanzen und Spielen sein sollte -- und ich bin gespannt, ob Karlsruhe das auch so sieht!
Viele digitale Themen prägen längst unseren Alltag. Wie gelingt es Ihnen, diese Entwicklungen im Theater so aufzugreifen, dass sie nicht nur sichtbar, sondern auch künstlerisch und emotional erfahrbar werden?
Ich glaube eigentlich, das ist ganz einfach: der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Auch wenn ich einen Abend über KI mache, möchte einen fühlenden Menschen auf der Bühne sehen und erleben. Wir haben hier Schauspieler:innen, Sänger:innen, Tänzer:innen und Musiker:innen, deren Kunst und Handwerk es ist, Ihnen das erlebbar zu machen. Daran will auch das Digitaltheater nichts ändern. Unsere Devise ist: hoch von der Couch, rein ins Theater, hier erlebt ihr was! Etwas, dass ihr bei Netflix und Co. vergeblich sucht. Echtheit. Und die berührt!
Karlsruhe ist als Medienstadt und UNESCO Creative City of Media Arts bekannt und bietet viele Anknüpfungspunkte zwischen Kunst, Technologie und Gesellschaft. Wie erlebst Du diese besondere Atmosphäre in Deiner täglichen Arbeit?
Wir wurden hier wirklich herzlich in ein tolles Netzwerk aufgenommen, dass seit unserem ersten Tag in Karlsruhe immer weiter gewachsen ist. Wenn wir für ein Stück recherchieren rufen wir im KIT an, wir planen Kooperation mit anderen Kultureinrichtungen der Stadt und haben mit unserer Stadt-Oper „Paradise Found“ unzählige spannende Menschen der Stadtgesellschaft kennengelernt. Das ist toll, denn nicht nur die Karlsruher:innen sollen zu uns kommen, auch wir wollen zu ihnen kommen.
Karlsruhe trägt den Titel UNESCO Creative City of Media Arts. Welche Verbindungen siehst Du zwischen diesem Profil der Stadt und dem Digitaltheater – und welches Potenzial steckt darin für die Zukunft?
Man merkt, dass Karlsruhe erfahren in Medienkunst ist – man braucht den Menschen hier nicht mit irgendwelchen Beamerprojektionen kommen und behaupten, dass sei der letzte Schrei. Das kriegt man um die Ohren gehauen (zu Recht!), da heißt es sofort „das haben wir doch schon vor 30 Jahren im ZKM gesehen“. Und das macht uns Spaß, wir fühlen uns herausgefordert und haben auch Lust darauf, die Karlsruher:innen herauszufordern. Das ist eine Geschichte, die noch lange nicht auserzählt ist – wir freuen uns auf die Zukunft!