EXPECT_Art_50 Jahre

Projektvorstellung: EXPECT_Art

Einblicke in ein Vermittlungsprojekt in der Kinemathek

von Lena Zeiler

08.09.2026

EXPECT_Art!

In der Kinemathek findet derzeit ein EU-Projekt statt, über das wir mit einem Mitglied des Projektteams sprechen konnten: Kimlotte Stöber hat an der HfG Offenbach Bühnen- und Kostümbild mit dem Nebenfach Film studiert. Seit 2024 ist sie Teil des Teams der Kinemathek Karlsruhe und arbeitet dort im europäischen Projekt EXPECT_Art. Und auch abseits von EXPECT_Art ist Kimlotte in der Kinemathek aktiv: Sie plant und betreut Filmreihen, Veranstaltungen und Kooperationen und ist so mittendrin im Alltag des Kinos.

EXPECT_Art bringt sechs europäische Länder zusammen. Gemeinsam wird erforscht, wie kulturelle Bildung Kinder und Jugendliche dabei unterstützen kann, ihre eigenen Erfahrungen, Perspektiven und Fragen einzubringen. Unterschiedliche Forschungsbereiche und kulturelle Einrichtungen arbeiten interdisziplinär und kollaborativ zusammen. Für das Team der Kinemathek stehen dabei u.a. Film und Filmbildung im Mittelpunkt. Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der RPTU Kaiserslautern-Landau wurden Workshops an zwei Schulen entwickelt und ausprobiert. Die Erfahrungen aus dem Projekt werden gesammelt, wissenschaftlich ausgewertet und mit den Partner:innen in ganz Europa geteilt – in Publikationen, Podcasts, Handbüchern und bei Konferenzen. 

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Ihr seid gerade Teil eines EU-Projekts, bei dem ihr Workshopformate testet und vorstellt. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Im Mittelpunkt von EXPECT_Art steht eine einfache, aber für mich auch sehr spannende Frage: Wie können Kinder und Jugendliche durch Kunst und Kultur ihre eigene Perspektive entdecken und sichtbar machen? Das Projekt untersucht, wie kulturelle Bildung dazu beitragen kann, unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen, gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und kritisch über die eigene Lebenswelt nachzudenken. Dabei geht es nicht darum, Kindern und Jugendlichen eine bestimmte Vorstellung von „Kultur” zu vermitteln. Vielmehr sollen ihre eigenen Erfahrungen und Ideen Ausgangspunkt sein. Genau das haben wir auch in unseren Workshops ausprobiert. Die Jugendlichen haben gemeinsam Filme angeschaut und darüber gesprochen, die Kinemathek hinter den Kulissen kennengelernt und erfahren, wie ein Kino eigentlich funktioniert und wer da alles arbeitet. Danach ging es selbst ans Filmemachen: In kleinen Gruppen entwickelten und produzierten sie eigene Kurzfilme. Am Ende wurden die Filme natürlich auf der großen Kinoleinwand gezeigt. Für viele war das ein besonderer Moment: Plötzlich sitzt man selbst im Publikum und sieht den eigenen Film auf der großen Leinwand – inklusive anschließenden Fragen zu dem eigenen Film wie bei einem Festival. Das ist ein wichtiger Teil von EXPECT_Art: Junge Menschen sollen nicht nur Kultur konsumieren, sondern selbst gestalten und erzählen können.

Gleichzeitig hören wir genau hin: Was interessiert die Jugendlichen? Was brauchen sie? Was funktioniert – und was nicht? Diese Erfahrungen fließen direkt in die Weiterentwicklung der Methoden ein. Die Ergebnisse werden im Projekt mit den Partner:innen aus den anderen europäischen Ländern geteilt und in pädagogischen Materialien, Fortbildungen und einem Handbuch für Lehrkräfte festgehalten. So sollen die Erfahrungen auch über das Projekt hinaus für Schulen und Kulturorte nutzbar werden. Für uns als Kinemathek ist dabei besonders spannend, dass Film beides kann: die Welt zeigen und gleichzeitig dazu einladen, die eigene Geschichte zu erzählen.

Wie seid ihr auf das Projekt aufmerksam geworden?

Den ersten Schritt machte das dänische Team: Es hat den Antrag für EXPECT_Art entwickelt und dafür die RPTU Kaiserslautern-Landau als deutschen Forschungspartner ins Projekt geholt. Beide kannten sich bereits aus früheren Projekten. Für die praktische Arbeit fehlte nun noch ein passender kultureller Partner – und bei der Suche stieß die RPTU auf die Kinemathek Karlsruhe. Für ein Kino vielleicht etwas ungewöhnlich: Die Kinemathek hat einen starken Schwerpunkt auf Filmbildung und Filmvermittlung und bietet regelmäßig Workshops und Projekte für Kinder und Jugendliche an. Seit 2023 gibt es dafür sogar einen eigenen kleinen Kinosaal, der als Workshopraum genutzt werden kann. Die RPTU fragte also bei der Kinemathek an, ob sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte. Die Antwort war ziemlich schnell klar: Ja!Ich selbst war damals allerdings noch gar nicht dabei – dazu kam ich erst später.

Kannst du ein Workshopformat genauer beschreiben?

Ein Beispiel ist die Methode „Chill Space Inspection”, die das deutsche Team für die EXPECT_Art-Lernplattform entwickelt hat. Sie wurde mit einer siebten Klasse in Karlsruhe getestet. Die Idee ist einfach: Wo fühlen sich Schüler*innen wohl? Wo können sie entspannen, Freund*innen treffen oder einfach für einen Moment dem Schulalltag entkommen? Die Schüler*innen fotografierten ihre persönlichen „Chill Spaces” – zunächst in der Schule, anschließend als Hausaufgabe auch in ihrem privaten Umfeld. Danach stellten sie ihre Orte der Klasse vor und sprachen darüber, warum sie sich dort wohlfühlen. Dabei kamen ganz unterschiedliche Orte zum Vorschein: das eigene Zimmer, ein Sportplatz, eine Bushaltestelle, aber auch ein Schulklo oder ein ungemütlicher Flur. Gerade diese Beispiele führten zu spannenden Gesprächen: Welche Orte bietet die Schule eigentlich an, an denen sich Jugendliche wirklich wohlfühlen können? Und was brauchen sie dafür? Die Methode zeigt, wie Fotografie einen einfachen Einstieg schaffen kann, um über persönliche Bedürfnisse, Zugehörigkeit und den eigenen Lebensraum ins Gespräch zu kommen. Die Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Workshop wurden anschließend auf der Lernplattform dokumentiert. So konnten wir nicht nur die Methode, sondern auch die Plattform selbst gemeinsam mit der Klasse und der Lehrkraft testen und weiterentwickeln.

Wie verläuft das Projekt derzeit und gibt es schon Rückmeldungen von der Zielgruppe?

Das Projekt geht langsam in die Abschlussphase. Aktuell entstehen pädagogische Materialien, Fortbildungsangebote, ein Handbuch für Lehrkräfte und politische Handlungsempfehlungen. Die entwickelten Methoden sollen auch nach dem Projekt für Schulen, Kultureinrichtungen und Lehrkräfte nutzbar sein. Rückmeldungen aus der Zielgruppe gibt es eigentlich schon seit Beginn des Projekts: Schülerinnen, Lehrkräfte und Kulturvermittlerinnen waren von Anfang an aktiv beteiligt und konnten ihre Erfahrungen und Ideen immer wieder einbringen. So wurden die Angebote Schritt für Schritt gemeinsam weiterentwickelt. Die Ergebnisse werden in den kommenden Monaten veröffentlicht. Die große Abschlusskonferenz des dreijährigen Projekts findet am 25. und 26.November 2026 in Landau und Karlsruhe statt – dann heißt es auch offiziell: Projektabschluss!

Zudem plant ihr in diesem Kontext eine Veranstaltung in der Kinemathek, bei der es um die Bedeutung kultureller Orte als außerschulische Lernorte geht. Kannst du dazu mehr berichten?

Ja diese Veranstaltung ist uns sehr wichtig. Eine Sache, die uns im Projekt besonders aufgefallen ist, ist, wie wichtig außerschulische Lernorte für Schüler*innen sein können. Sobald sie die Schule verlassen, verändert sich oft schon die ganze Dynamik. Sie entdecken einen neuen Ort, begegnen anderen Menschen und bekommen die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die sie vielleicht im Unterricht gar nicht stellen würden. Das erleben wir auch bei uns in der Kinemathek. Ich finde es immer schön zu sehen, wenn Schüler*innen nach einem Workshop irgendwann privat wiederkommen oder eine Schule mit einer anderen Klasse zurückkommt. Dann merkt man: Der Ort ist ihnen irgendwie geblieben und gehört plötzlich zu ihrem Alltag dazu. Gleichzeitig ist es für Lehrkräfte leider oft gar nicht so einfach, solche Kooperationen auf die Beine zu stellen. Es kostet Zeit, Organisation und häufig auch Geld. Deshalb möchten wir bei der Veranstaltung darüber sprechen, wie wir diese Zusammenarbeit einfacher und langfristiger gestalten können. Am 6. Oktober 2026 von 14 bis 17 Uhr kommen dafür Menschen aus Schule, Politik, Kunst und Kultur in der Kinemathek zusammen. Wir wollen gemeinsam überlegen: Was brauchen Schulen und Kulturorte, damit solche Kooperationen wirklich funktionieren? Die Veranstaltung ist kostenlos und offen für alle Interessierten.

Und weil wir natürlich in der Kinemathek sind, gehört auch Film dazu: Um 19 Uhr zeigen wir „Filmstunde_23" von Edgar Reitz und Jörg Adolph. Der Dokumentarfilm erzählt von einem spannenden Experiment aus dem Jahr 1968, bei dem Film tatsächlich als Schulfach unterrichtet wurde – und davon, wie die damaligen Schülerinnen heute darauf zurückblicken. Wer Interesse hat zu kommen kann sich sehr gerne bei mir melden.

EXPECT_Art_Advisaroy Board © Fenna tom Dieck

Können Interessierte am Projekt oder der Veranstaltung teilnehmen?

Das Projekt geht gerade in die letzte Runde, deshalb ist eine aktive Teilnahme am Projekt selbst leider nicht mehr möglich. Bei der Veranstaltung am 6. Oktober und bei der Abschlusskonferenz im November sind Interessierte aber herzlich willkommen. Auch dazu kann man mir gerne schreiben – ich freue mich über interessierte Anfragen.

Auf der EXPECT_Art-Website werden außerdem bald weitere Workshopformate und die wissenschaftlichen Ergebnisse des Projekts zu finden sein. Und auch wenn EXPECT_Art endet, geht die Arbeit weiter: Die Kinemathek wird sich auch in Zukunft intensiv mit Filmbildung und Filmvermittlung beschäftigen. Ich selbst bleibe ebenfalls bei der Kinemathek und werde diesen Bereich weiter mitgestalten, worüber ich mich sehr freue. Eine konkrete Folge aus dem Projekt ist für mich auch die Gründung unseres Jugendclubs „Boxy Eyes” im Jahr 2025. Durch EXPECT_Art ist uns noch einmal deutlich geworden, wie viel wir als Kultureinrichtung von den Perspektiven und Wünschen junger Menschen lernen können. Mit den Boxy Eyes möchten wir deshalb einen Raum schaffen, in dem Jugendliche nicht nur an unseren Angeboten teilnehmen, sondern selbst mitreden, Ideen entwickeln und die Kinemathek mitgestalten können.