Folge #48: Die Stiftung Forum Recht
KulturTalk
KulturTalk mit Thomas Stelzl
Karlsruhe gilt als Residenz des Rechts. Doch wie werden Recht und Rechtsstaat für alle Menschen verständlich und erlebbar? Wie die Stiftung Forum Recht das Thema aus den Gerichtssälen heraus in den Alltag holt, hat Thomas Stelzl, Leiter Bildung und Vermittlung, Lucienne und Lena im KulturTalk verraten.
Foto: Stiftung Forum Recht © Damian Domes
Was ist die Stiftung Forum Recht eigentlich und was unterscheidet sie von einer klassischen Bildungseinrichtung?
Stiftung Forum Recht ist ein echtes Wortungetüm. Wir sind eine bundesunmittelbare Stiftung, das heißt, der Deutsche Bundestag hat uns gegründet und finanziert uns auch. Wir sind also nicht staatlich, aber unabhängig, und wir versuchen, Recht und Rechtsstaat erlebbar und verständlich zu machen und Dialoge über das Thema anzustoßen. Deswegen sind wir auch in Karlsruhe, der Residenz des Rechts. Vereinfacht gesagt machen wir politische und kulturelle Bildung mit Schwerpunkt auf dem Thema Recht.
Was sind deine Aufgaben als Leiter Bildung und Vermittlung?
Das ist eine gute Frage, denn ich bin vor drei Jahren zur Stiftung gekommen. Da gab es die Institution noch nicht lange und die Aufgaben waren sehr breit. Ein kleines Team, das gerade eine Organisation aufbaut, hilft sich viel aus und macht manchmal Dinge, mit denen man nie gerechnet hätte. Ich durfte zum Beispiel eine Ausstellung über Rechtsstaatlichkeit in Polen mitorganisieren, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Mittlerweile hat sich das ausdifferenziert. Eine Kollegin ist für Ausstellungen zuständig und meine Hauptarbeit besteht darin, zusammen mit meinem Team Bildungsmaterial zu erstellen und Fortbildungen für Menschen zu machen, die zum Beispiel im Bildungsbereich arbeiten. Wir machen auch selbst Workshops und Veranstaltungen, gehen an Schulen und kooperieren mit Menschen, die freiwillig kommen und sich informieren wollen.
Was ist das Besondere daran, dass die Stiftung ihren Hauptsitz in Karlsruhe hat, einer Stadt, die so stark mit dem deutschen Recht verbunden ist?
Das ist tatsächlich etwas Besonderes, denn das Thema Recht hat ungewöhnliche Eigenheiten. Es betrifft jeden, spricht aber nicht von Haus aus jeden an. Ein bisschen so ist es auch mit der Rolle Karlsruhes als Residenz des Rechts. Es gibt viel zu sehen, hier sitzen große Bundesinstitutionen, die es nirgendwo anders in Deutschland gibt. Gleichzeitig kann ich hier nicht wie in Berlin zum Besuchertor des Deutschen Bundestags gehen und mir von der Kuppel alles ansehen. Beim Bundesverfassungsgericht geht das nicht. Ich kann eine Führung buchen, wenn ich mit einer Gruppe komme und viele Monate Vorlauf habe. Die Möglichkeiten sind also beschränkt. Genau deshalb ist es besonders, dass wir hier sind, denn ein Teil unserer Aufgabe besteht darin, all jenen, die in die Residenz des Rechts kommen, etwas zum Erleben anzubieten und diesen Claim mit Leben zu füllen.
Wie macht man Recht und Rechtsstaat für alle erlebbar, auch für Menschen, die sich nicht als rechtsaffin bezeichnen würden?
Mir geht es da wie den meisten. Im Alltag ist das Thema unglaublich breit und kommt überall vor, vom Brötchenkauf beim Bäcker über den Strafzettel bis zur Meinungsfreiheit. Den Strafzettel nimmt man oft als Einschränkung wahr. Ich darf nicht zu schnell fahren, ich muss bei Rot stehen bleiben. Dabei ist das Recht nicht dazu da, uns einzuschränken, sondern uns Freiheiten zu geben, zum Beispiel die Freiheit, über die Straße zu kommen, ohne überfahren zu werden. Damit betrifft es uns alle und wir begegnen ihm oft, ohne es zu sehen. Unsere Zielgruppe sind genau nicht die Juristinnen und Juristen. Wir haben in Karlsruhe einen Stadtrundgang namens „Recht stadtlich“. Dabei nehmen wir die Stadt als Ausstellungsfläche und schauen uns Orte an, die es nur in Karlsruhe gibt. Ein rechtlicher Rundgang geht hier natürlich nicht ohne das Bundesverfassungsgericht, aber wir schauen uns auch Dinge an, die es in jeder Stadt gibt. An den Straßenbahnschienen zum Beispiel bleiben wir stehen und sprechen über das Fahren ohne Fahrschein. Warum ist das in Deutschland eine Straftat? Das müsste nicht so sein. Die Frage, ob man ein gültiges Ticket hat, hat sich vermutlich jeder schon gestellt, zumindest bevor es das Deutschlandticket gab. Außerdem haben wir eine Pop-up-Ausstellung, die bundesweit auf Tour ist. In Karlsruhe stand sie schon am Bahnhof, zuletzt vor dem Schloss. Sie zeigt anhand von Zivilrechtsfällen, warum es das Recht gibt und welche Funktionen es hat, also keine Streitigkeiten zwischen Bürger und Staat, sondern zwischen Bürger und Bürger. Das sind ein paar unserer Versuche, Recht für Menschen erlebbar zu machen, die nicht selbst Richterin am Bundesgerichtshof sind.
Gibt es ein Format oder Projekt, das dir besonders am Herzen liegt?
Ein Projekt, das mir besonders am Herzen liegt, ist eine Kooperation mit der VHS in Karlsruhe, mit dem Bereich Grundbildung. Dort gibt es normalerweise Angebote für Menschen, die zum Beispiel Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen haben. Wir wollten wissen, welche Probleme und Verständnisschwierigkeiten diese Menschen mit dem Recht haben und was sie in ihrem Alltag brauchen. Miete ist da ein großes Thema. Dazu wollen wir ein paar Module erstellen und mit den Leuten testen. Können wir ihnen helfen, besser zu verstehen, wofür der Vermieter zuständig ist und wofür sie selbst? Ein Mietvertrag sieht kompliziert aus. Was bedeuten die ganzen Klauseln, dürfen die dort stehen, wen kann ich ansprechen? Wir wollen den Menschen helfen, sich in ihrem Alltag besser zurechtzufinden, auch bei den vermeintlich schwierigen Themen rund ums Recht.
In Karlsruhe ist ein eigenes Gebäude geplant. Kannst du uns dazu schon Einblicke geben und wie sieht die Zukunft der Stiftung aus?
Das Gebäude war von Anfang an mitgedacht. Die Stiftung hat in den letzten Jahren viel daran gearbeitet, welche Räumlichkeiten wir brauchen, also Ausstellungsflächen und Veranstaltungsräume. Wir erben einen ehemaligen Gerichtssaal des Bundesgerichtshofs und bekommen damit ein authentisches Gebäude als Ausstellungsobjekt, in dem auch Staatsschutzprozesse stattfanden. Wir freuen uns, dass wir Anfang dieses Jahres die Billigung von Justiz- und Finanzministerium bekommen haben, sodass das Projekt jetzt vorangehen kann. Darauf haben wir lange gewartet, denn nicht wir entscheiden über die Mittel, sondern die Politik. Nächstes Jahr findet wahrscheinlich der Architektenwettbewerb statt und dann nimmt das Projekt seinen Lauf. Die Zukunft der Stiftung ist in gewisser Weise zweigeteilt. Einerseits arbeiten wir auf den Bau und die Inhalte dafür hin. Andererseits sind wir eine Bundesstiftung und nicht nur für Karlsruhe und Leipzig zuständig, sondern auch für Berchtesgaden, Flensburg und quer durch die Republik. Wir können uns also nicht nur auf die Gebäude beschränken, sondern müssen immer mitdenken, was wir mobil und bundesweit machen können, um die Menschen zu erreichen. Die Pop-up-Ausstellung ist so ein Beispiel, weil sie nicht nur bei uns steht, sondern auf Tour geht. Das Bildungsmaterial ist ein weiteres, das die Lehrkraft in Flensburg und in Berchtesgaden hoffentlich gleichermaßen nutzen kann.
Viele Studierende hören zu. Gibt es spezielle Angebote für junge Menschen?
Empfehlen würde ich gerade denen, die nicht ihr ganzes Leben in Karlsruhe verbracht haben und nicht jeden Stein kennen, unseren Stadtrundgang „Recht stadtlich“. Der nächste findet am 9. Juli um 17:00 Uhr statt. Treffpunkt ist vor der Tourismusinformation am Marktplatz. An der großen Menschentraube werdet ihr jemanden mit einem orangefarbenen Regenschirm oder Rucksack sehen, oder mit beidem. Das bin dann entweder ich oder jemand aus dem Team und wir entführen euch zwei Stunden lang. Interessant ist auch unsere Gesprächsreihe „Let’s Talk About Recht“, der nächste Termin ist am 15. Juli um 19:00 Uhr. Für alle, die zuhören und vermutlich podcastaffin sind, gibt es die Reihe auch als Live-Podcast. Wer ungern zu uns in die Räume kommt, kann sich das also auch von zu Hause aus anhören.
Was sollten Karlsruherinnen und Karlsruher über die Stiftung Forum Recht wissen und wie können sie mitmachen?
Ich würde mich freuen, wenn ihr mitnehmt, dass in Karlsruhe ein ganz außergewöhnliches Projekt entsteht. Es ist noch nicht fertig, aber es gibt ein eigenes Forum, einen eigenen Raum, der Recht und Rechtsstaatlichkeit gewidmet ist. Das gibt es nur an ganz wenigen Orten auf der Welt. Ich würde mich freuen, wenn die Karlsruherinnen und Karlsruher sich rege beteiligen, konstruktiv und kritisch Feedback geben und ein offenes Ohr für unsere Themen haben. Wir haben auch ein digitales Beteiligungstool unter beteiligung-forum-recht.de, über das man uns Feedback und Themen auf virtuellem Weg mitgeben kann.
Vielen Dank, dass du da warst, Thomas, und vielen Dank für die Einblicke.
Vielen Dank für den Kaffee.