Interview: Karolina Sobel
Hinter den Kulissen der Medienkunst in Karlsruhe
Karlsruhe ist UNESCO Creative City of Media Arts!
Entdeckt in unserer neuen Reihe, was Medienkunst für die Kunstschaffenden bedeutet, was hinter den Kulissen der Medienkunststadt Karlsruhe passiert und lernt Persönlichkeiten der Karlsruher Kunstszene kennen. Für diesen Beitrag durften wir mit Karolina Sobel sprechen.
Wer bist du und was definiert deine künstlerische Praxis?
Ich bin Künstlerin, Fotografin und Dozentin. Meine künstlerische Praxis bewegt sich zwischen Fotografie, Video, Installation, Recherche und kollaborativen Formaten. Mich interessiert, wie Bilder entstehen, welche Geschichten sie sichtbar machen – und welche sie auslassen. Oft arbeite ich zu marginalisierten Themen, zu Leerstellen in Archiven und zu Geschichten, die nicht selbstverständlich Teil offizieller Erzählungen geworden sind. Dabei suche ich nach relevanten Fragen und übersetze sie in künstlerische Formen. Manchmal bedeutet das auch, den klassischen Kunstkontext zu brechen und Elemente einzusetzen, die zunächst nicht hineinzupassen scheinen. Ein wichtiger Teil meiner Praxis ist die Zusammenarbeit mit anderen Menschen, Communities oder historischen Materialien. Ich verstehe Kunst als einen Raum, in dem Fragen nach Sichtbarkeit, Erinnerung, Macht und Zugehörigkeit neu verhandelt werden können.
Was bedeutet Medienkunst für dich – und warum bist du in einer oder mehreren Disziplinen unter diesem Schirm tätig?
Medienkunst bedeutet für mich zunächst ein sehr offenes Feld. Ich habe an einer Hochschule studiert und arbeite an einer Hochschule, an der der Begriff „Medien“ sehr breit verstanden wird: Nicht nur Foto, Video oder digitale Technologien sind Medien, sondern eigentlich kann alles zum Medium werden – ein Körper, ein Raum, ein Archiv, ein Gespräch, ein Objekt, eine soziale Situation. Genau das finde ich spannend. Medienkunst erlaubt mir, nicht an eine einzige Disziplin gebunden zu sein, sondern je nach Frage das passende Mittel zu suchen. In meiner Arbeit können Fotografie, Video, Installation, Text, Performance oder Recherche ineinandergreifen. Mich interessiert dabei besonders, wie Bilder, Geschichten und Sichtbarkeit entstehen – und wie sich unterschiedliche Medien gegenseitig verschieben. Damit verstehe Medienkunst deshalb weniger als eine technische Kategorie, sondern als eine Haltung, die offen, experimentell und beweglich bleibt.
Wie entstehen deine Werke – von der Idee bis zur Umsetzung?
Am Anfang steht oft eine Beobachtung. Von dort aus beginnt ein Prozess der Recherche, des Sammelns und des Ausprobierens. Ich arbeite mit Fotografie, Video, Text, Installation und manchmal auch mit performativen oder dokumentarischen Elementen. Die Form entwickelt sich dabei nicht immer von Anfang an fest, sondern entsteht aus dem Material, den Begegnungen und den Fragen, die sich im Prozess zeigen. Interdisziplinäre Zusammenarbeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Für meine Videoinstallation Soft Signals arbeitete ich beispielsweise mit Natia Chikvaidze, Davit Khorbaladze und weiteren wundervollen Menschen zusammen. Ausgangspunkt war das Leben der georgischen Malerin Elene Akhvlediani. Als ich von Karlsruhe aus mit meiner Online-Recherche begann, wurde sie an einigen Stellen als queere Persönlichkeit aufgeführt. Nach weiterer Recherche und Gesprächen mit Partner*innen in Georgien zeigte sich jedoch, dass diese Zuschreibung nicht eindeutig ist. Genau aus dieser Unklarheit entstand die Idee zu Soft Signals.
Es war deshalb sehr wichtig, einen Workshop vor Ort in Tbilisi durchzuführen und die Recherche in eine performative Form zu übersetzen. Daraus entwickelte sich die Performance Elene’s Lines of Flight, die im Rahmen von KAMUNA 2026 im ZKM Medientheater Premiere feiert. Die Performance wird zugleich eine weitere Ebene der Videoarbeit, die ich im Rahmen von Media art is here 2026 präsentiere.
Welche Rolle spielt Karlsruhe für dich als Ort deiner künstlerischen Arbeit?
Karlsruhe spielt für mich eine wichtige Rolle als Ort der Möglichkeiten. Durch Institutionen wie die HfG, das ZKM und den Kontext der UNESCO Creative City of Media Arts gibt es hier eine besondere Nähe zwischen künstlerischer Praxis, Medien, Forschung und öffentlichem Raum. Ich habe das Gefühl, dass Karlsruhe nicht immer laut oder offensichtlich ist, aber viele Ressourcen, Netzwerke und Räume bietet, wenn man sie aktiviert.
Was möchtest du mit deiner Kunst beim Publikum auslösen, anstoßen oder hinterfragen?
Ich möchte mit meiner Kunst vor allem Fragen auslösen. Meine Arbeiten beschäftigen sich oft mit marginalisierten Geschichten und Machtverhältnissen. Ich möchte zeigen, dass Geschichte nie neutral ist, sondern immer durch Auswahl, Wiederholung und Auslassung entsteht. Dabei geht es mir nicht darum, eine feste Antwort zu geben, sondern einen Raum zu öffnen. Diese Herangehensweise war auch in der Realisierung der Arbeit Soft Signals entscheidend, das Publikum ist aufgefordert eigene Verbindungen herzustellen, die Leerstellen werden nicht versteckt, sondern dienen sollen die eigene Perspektive auf Bilder, Geschichte und Sichtbarkeit hinterfragen.
Was wäre dein Wunsch für die Medienkunst der Zukunft – lokal oder global?
Mein Wunsch für die Medienkunst der Zukunft wäre, dass sie offen und mutig bleibt. Für mich geht es darum, wie Medien neue Formen von Wahrnehmung, Zusammenarbeit und Erzählung ermöglichen können. Lokal wünsche ich mir mehr Räume zum Experimentieren – auch außerhalb großer Institutionen, im Stadtraum und in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Communities. Global wünsche ich mir eine Medienkunst, die vielfältige Perspektiven sichtbar macht und nicht nur aus den großen Kunstzentren heraus gedacht wird. Ich glaube, die Zukunft der Medienkunst liegt auch darin, Beziehungen herzustellen: zwischen Menschen, Nicht Menschen, Orten, Archiven, Körpern und Geschichten.
Welcher ist dein Lieblingsort für Medienkunst in Karlsruhe?
Mein Lieblingsort für Medienkunst in Karlsruhe ist wahrscheinlich das ZKM, weil dort daran gearbeitet wird Medienkunst in ihrer ganzen Breite sichtbar und erlebbar zu machen.