Interview: Vera Valentina Gärtner
Hinter den Kulissen der Medienkunst in Karlsruhe
Karlsruhe ist UNESCO Creative City of Media Arts!
Entdeckt in unserer neuen Reihe, was Medienkunst für die Kunstschaffenden bedeutet, was hinter den Kulissen der Medienkunststadt Karlsruhe passiert und lernt Persönlichkeiten der Karlsruher Kunstszene kennen. Für diesen Beitrag durften wir mit der Künstlerin und Szenografin Vera Valentina Gärtner über ihre Arbeit sprechen.
Wer bist du und was definiert deine künstlerische Praxis?
Mein Name ist Vera Valentina Gärtner. Ich bin im Jahr 2013 für das Szenografie und Ausstellungsdesign Studium an der Hochschule für Gestaltung (HfG) nach Karlsruhe gekommen. Seit meinem Diplom arbeite ich hier als freischaffende Künstlerin und Szenografin und bin seit 2023 als künstlerische Mitarbeiterin an der HfG in der Lehre tätig.
Mich interessiert das Beobachten, Dokumentieren, Inszenieren und Re-Imaginieren von Räumen. Dabei liegt mein Fokus auf der Sichtbarmachung von patriarchalen Strukturen in urbanen Räumen sowie auf der Untersuchung von verborgenen oder isolierten Orten in meiner unmittelbaren Umgebung. Meine Arbeiten entstehen transdisziplinär – etwa als ortsspezifische Installationen, kritische Kartierungen, räumliche Mixtapes, aktivistische Postkarten, performative Spaziergänge oder anti-hierarchische Konferenzarchitekturen.
Aktuell entwickle ich eine Arbeit im Rahmen der UNESCO-Medienkunstförderung für die Ausstellung „Media Art is Here“. In dieser Arbeit widme ich mich dem mikrobiellen Lebensraum, der auf Mikroplastik entsteht – der sogenannten „Plastisphäre“. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass auch die Alb in Karlsruhe mit Mikroplastik kontaminiert ist. Durch die tausendfache Vergrößerung eines dort gesammelten Partikels möchte ich in einer Installation im Schaufenster des „Museum beim Markt“ und an der Alb auf die Mikroplastikverschmutzung lokaler Gewässer aufmerksam machen.
Was bedeutet Medienkunst für dich – und warum bist du in einer oder mehreren Disziplinen unter diesem Schirm tätig?
Medienkunst verstehe ich als eine Kunstform, die technische Medien nicht nur nutzt, sondern auch ihre gesellschaftlichen Bedingungen reflektiert. In meinen Projekten kommen unterschiedliche Medien zum Einsatz: vorrangig digitale Bilder – etwa aus dem Internet, Kartenmaterial, Mikroskopaufnahmen, digitalisierte Archivalien oder eigene Fotografien –sowie Sound. Im szenografischen Arbeiten ist der Einsatz von Medienkunst für mich dabei Teil eines Gesamtgefüges aus noch weiteren Disziplinen: wie Architektur, Grafikdesign und Theorie.
Wie entstehen deine Werke – von der Idee bis zur Umsetzung?
Am Anfang steht meist eine Beobachtung oder Fragestellung, die mein Interesse weckt. Durch Recherche, Gespräche und Archivarbeit verdichtet sich das Material und es entstehen unerwartete Zusammenhänge, aus denen sich schließlich eine Idee entwickelt. Die Umsetzung passiert häufig kollaborativ und prozesshaft. Durch Zeichnungen, Materialtests, Modelle und Bauproben versuche ich die richtige Form zu finden. Dieser Prozess verläuft selten linear – oft führen Umwege, Zufälle oder Widerstände zu neuen Perspektiven, bis die lange gehegte Idee schließlich erfahrbar wird.
Welche Rolle spielt Karlsruhe für dich als Ort deiner künstlerischen Arbeit?
Karlsruhe bildet in vielen meiner Arbeiten sowohl Untersuchungsgegenstand als auch den konkreten räumlichen Kontext. In meiner aktuellen Arbeit zur „Plastisphere“ widme ich mich beispielsweise ökologischen Fragestellungen im Zusammenhang mit der Karlsruher Alb. In Projekten wie „ffountain“, „Stadt als Palimpsest“ oder „Whose Stories“ untersuche ich die Stadt Karlsruhe aus feministischer und gender-historischer Perspektive. Im Zentrum steht dabei die Frage, wem im öffentlichen Raum erinnert wird und wem nicht. Gerade weil Karlsruhe eine junge Planstadt ist, erscheint sie mir in dieser Hinsicht besonders interessant. Gleichzeitig ermöglicht die kleine, aber gut vernetzte Kunstszene einen engen Austausch zwischen Künstler*innen, Institutionen und Initiativen. Die Förder- und Vernetzungsstrukturen im Rahmen des UNESCO Creative City of Media Arts-Titels schaffen dafür wichtige Voraussetzungen.
Was möchtest du mit deiner Kunst beim Publikum auslösen, anstoßen oder hinterfragen?
Ich möchte Ungleichheiten sichtbar machen, hervorheben, was im Verborgenen bleibt, gesellschaftliche Strukturen kritisch reflektieren und neue Möglichkeiten entwerfen – mit dem Anspruch, zu einer Gesellschaft beizutragen, in der Diskriminierung keinen Platz hat, marginalisierte Gruppen gestärkt werden, Geschichte kritisch aufgearbeitet und Umweltschutz konsequent umgesetzt wird. Mir ist dabei wichtig, unterschiedliche Menschen anzusprechen und Räume für Austausch, Teilhabe und kollektives Nachdenken zu eröffnen.
Was wäre dein Wunsch für die Medienkunst der Zukunft – lokal oder global?
Ich wünsche mir eine Medienkunst, die technologischen Fortschritt nicht unkritisch feiert, sondern ihn gesellschaftlich, ökologisch und ethisch befragt. Für die Bedingungen unter denen Künstler*innen arbeiten, wünsche ich mir mehr langfristige Fördermöglichkeiten, statt Kürzungen und insbesondere Unterstützung für künstlerische Rechercheprozesse, die oft die Grundlage kritischer kultureller Arbeit bilden. Ich halte eine kontinuierliche künstlerische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen für notwendig. Kunst eröffnet Räume, in denen soziale, politische und ökologische Fragen anders verhandelt werden als im öffentlichen Diskurs üblich.
Hat sich deine Praxis verändert, seit Karlsruhe UNESCO City of Media Arts ist?
Ich würde nicht sagen, dass sich meine Praxis verändert hat, aber ich denke bewusster darüber nach, welche Rolle Medienkunst innerhalb meiner Arbeiten spielt und konnte durch die Medienkunstförderung Projekte realisieren, die ohne diese Unterstützung schwer umsetzbar gewesen wären. Besonders schätze ich, dass die Projekte über die finanzielle Projektförderung hinaus auch bei der technischen Umsetzung unterstützt werden – oder, dass wie beispielsweise durch den Austausch mit Partnerstädten wie Modena im Rahmen von CULT, eine internationale Vernetzung entsteht.
Welcher ist dein Lieblingsort für Medienkunst in Karlsruhe?
Eigentlich ist das für mich der gesamte Stadtraum – insbesondere seine oft übersehenen, abgelegenen oder vergessenen Orte, an denen Frauen*geschichten eingeschrieben sind, wie etwa das Marktfrauen-Denkmal hinter der kleinen Kirche sowie der Nymphenbrunnen, der Marienbrunnen, der Wäscherinnenbrunnen oder der Brunnen am Stephanplatz. Ich kann sehr empfehlen, diese Orte einmal bewusst aufzusuchen.
Als Institutionen schätze ich besonders den Badischen Kunstverein mit seinem progressiven Ausstellungs- und Vermittlungsprogramm sowie die HfG Karlsruhe, die durch ihre Studienstruktur große Freiräume für experimentelles und kritisches Arbeiten ermöglicht. Aus dem Umfeld der HfG sind wichtige unabhängige Initiativen wie das ßpace, COLA TAXI OKAY oder jüngst umpolen hervorgegangen, die die freie Kunst- und Kulturszene in Karlsruhe wesentlich prägen. Diese Orte und viele weitere sind auf der CULT-Karte sowohl analog als auch digital zu finden.