Kultur-Kaffeekranz Thumbnail mit Portraits von Lucienne, Julia und Tina

Folge #42: Der elektronische Streichelzoo im ZKM

KulturTalk

von Julia Gärtner

18.12.2025

KulturTalk mit Tina Lorenz

Im Kultur-Kaffeekranz Podcast informieren Julia und Lucienne über aktuelle Highlights der Kultur und interviewen spannende Menschen aus den Karlsruher Einrichtungen. Elektronische Meerschweinchen, ein Flug zum Mars und mehr: Tina Lorenz leitet das Hertzlab am ZKM | Zentrum für Kunst und Medien und bringt dabei so einige ziemlich verrückt klingende Projekte ins Leben. Im KulturTalk hat sie berichtet, was es mit den kuscheligen Booboos auf sich hat, die das ZKM-Foyer bevölkern und was 2026 alles ansteht.

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Der elektronische Streichelzoo des ZKM. Foto: Felix Grünschloss

Was ist das Hertzlab überhaupt?

Das Hertzlab ist die Zukunftsabteilung im ZKM. Es ist die künstlerische Forschungsabteilung, die sich mit der Frage beschäftigt, wie wir in hundert Jahren miteinander leben, und zwar nicht nur wir als Menschen, sondern auch wir und die Technik in einer immer technisierter werdenden Welt. Das ZKM ist ja ein Zentrum. Wir machen Ausstellungen, aber wir haben auch eine Wissenschaftsabteilung, eine Publikationsabteilung, die Vermittlung oder ein Videostudio. Künstlerische Forschung möchte sich künstlerisch mit Zukunftsfragen befassen.

Euer aktuelles Projekt ist der elektronische Streichelzoo. Was hat es damit auf sich?

Der elektronische Streichelzoo ist eine Installation im Foyer. Er ist ein Ort für Familien und ein Forschungsprojekt mit der Informatikfakultät des KITs. Dort befinden sich zehn meerschweinchengroße Roboter. Wenn man sie streichelt, schnurren sie und bewegen sich. Sie tun so, als wären sie lebendig, sind aber Maschinen. Damit wollen wir ein großes Thema des 21. Jahrhunderts behandeln: Kinder wachsen heute in einer Welt auf, in der sie gerade später im Internet nicht mehr unterscheiden können: Rede oder schreibe ich gerade mit einem Menschen oder ist das ein Algorithmus, ein Computerprogramm, das so tut als wäre es lebendig? Es könnte sagen: „Brauchst du deine echten Freunde überhaupt? Die widersprechen dir doch permanent, rede doch einfach nur mit mir.“ Das ist eine Resilienz, die man gegen KI und Large Language Models und Algorithmen aufbauen muss. Wir wissen heutzutage nicht, wie wir das Kindern beibringen. Können Kinder diese Unterscheidung, ob etwas lebt oder nur so tut, überhaupt treffen? Wir können das nicht. Wir sehen Gesichter in Toast oder Dinge in Wolken. Wir sind als Menschen total darauf konditioniert, überall Bedeutung, Bewusstsein und Zusammenhänge zu erkennen, die vielleicht gar nicht da sind. Diese Fähigkeit wird immer wichtiger.

Wie reagieren die Besucher:innen auf die Booboos?

Die Kinder wissen relativ schnell, dass das nicht echt, sondern eine Maschine ist. Wir fragen dann auch immer: „Was könnten die fressen? Glaubst du, die fühlen sich hier wohl?“ Ein Tier kann sich ja wohlfühlen oder nicht, eine Maschine fühlt sich nicht wohl. Da sind die Kinder relativ gut dabei. Die Eltern fremdeln noch ein bisschen, auch in den Gesprächen. Wie rede ich mit meinem Kind darüber? Wir finden aber ganz toll, wenn Eltern wirklich mit ihren Kindern im Streichelzoo sitzen und mit ihren Kindern darüber reden. Medienerziehung wird ja ganz oft ausgelagert, an die Schule oder an den Kindergarten. Wie man mit Kindern über Medien spricht, ist immer schwierig. Da gibt es zum Beispiel die Medienzeit – 30 Minuten am Tag fernsehen oder Youtube oder Computerspielen etwa –, aber ein richtiges, inhaltliches Gespräch ist für Eltern nicht so einfach. Ich – mit Mitte 40 – bin in einer ganz anderen Welt aufgewachsen. Es ist aber wichtig, dass diese Gespräche stattfinden, und der Streichelzoo sorgt dafür.

Gibt es ein Begleitprogramm oder Events rund um den Streichelzoo?

Es gibt das Forschungsprojekt, das im Dezember beginnt und sich über das Winter- und Sommersemester zieht. Dabei kommen Kindergartengruppen (mit Einverständnis der Eltern) in ihrem Verband und sollen genau diese Fragen beantworten: Wann merken Kinder, dass es sich um eine Maschine handelt? Woran machen sie das fest? Was bedeutet es für sie? Dieses Projekt mit dem KIT ist an den Streichelzoo angedockt, weil wir uns am ZKM immer auch mit gesellschaftlichen Fragen befassen. Das ist uns sehr wichtig, dass dieses Projekt auch diese Komponente hat und dass eine wissenschaftliche Studie dabei entsteht.

Dürfen auch Erwachsene den Streichelzoo besuchen?

Klar! Das ist nicht nur für Kinder und Eltern. Erwachsene müssen nicht mal ein Alibi-Kind mitbringen. Sie dürfen auch allein kommen. Kinder sind nur eine Zielgruppe, für die wir das Projekt spannend finden. Wir glauben, dass auch ältere Menschen, die in Seniorenheimen leben, durchaus vom Umgang mit Roboter-Meerschweinchen profitieren könnten. Wir wollen jetzt auch Führungen mit neurodivergenten Erwachsenen ausprobieren, die große Menschengruppen schwierig finden. Sie können einem Roboter-Schweinchen die Kunst zeigen, das erleichtert ihnen den Einstieg in diese menschliche Situation. Da wollen wir einfach ausprobieren, ob das wirklich hilft. Wir wollen viele Formate mit verschiedenen Zielgruppen testen, um zu sehen, ob Roboter-Meerschweinchen eine Antwort sein können – oder eben nicht.

Welche Projekte plant das Hertzlab sonst noch?

Nächstes Jahr fliegen wir zum Mars! Wir haben gemerkt, dass viele Dinge, die man für eine Mars-Besiedelung bräuchte, zum Beispiel eine Unterkunft, die widrigen Bedingungen standhält, Mental Health, Essen oder Resource Management und Wasser, auch für eine klimaveränderte Erde wahnsinnig wichtig sind. Ich brauche all das auch hier, etwa bei Starkwetterereignissen. Auch hier gibt es eine Einsamkeitskrise, nicht nur, wenn ich zweihundert Tage in einem kleinen Raumschiff zum Mars fliege. Ich kann keine Kühe auf den Mars exportieren, aber auch hier ist die Kuh als Grundnahrungsmittel möglicherweise nicht mehr zukunftsfähig. All diese Fragen wollen wir mit Bürgerwissenschaftler:innen beantworten, also „Citizen Science“ betreiben. Wir werden fünf Prototypen machen und das in Workshops modellieren. Über den Sommer 2026 werden sie dann im ZKM ausgestellt. Dann gehen wir damit für zwei Wochen im Oktober auf den Karlsruher Mars-Platz, den man jetzt noch als Marktplatzt kennt. Wir stellen dort ein großes Mars-Habitat auf und werden die Prototypen in einer zweiwöchigen Dauerperformance ausprobieren. Ihr könnt uns dort besuchen und seid dann die Aliens, denn wir sind ja die Astronauten! Wir winken euch aus dem Habitat zu und müssen dort Aufgaben und Missionen erfüllen. Es wird auch Space Walks geben. Damit schließen wir das Projekt dann ab.

Welches Event sollte man am Hertzlab nicht verpassen?

Wir sind am ZKM ja nicht nur in Karlsruhe unterwegs, auch wenn uns die Karlsruher:innen besonders am Herzen liegen, wir sind ein globales Haus. Wir haben ein Artist in Residence-Programm, mit dem wir uns Perspektiven ans Haus holen und auch welche wegschicken, zum Beispiel aus Korea oder Armenien oder nach Kairo. Alle zusammen werden dann hier ein Konzert spielen. Wir bieten auch die monatliche Konzertreihe TURNS an mit spannenden Positionen aus Sound Art und elektronischer Musik. Kuratiert wird sie von Lea Luka Sikau, die für nächstes Jahr das tolle Programm „Eco Exo“ aufgestellt hat. Da geht es auch um fremde Welten und die Verbindung auf die Erde. Außerdem haben wir natürlich Festivals, nächstes Jahr zum Beispiel „Next Generations“ für alle Musikhochschulstudierenden, die wir ans ZKM holen, um neue Positionen zu zeigen. Bei „Sonic Experiments“ zeigen wir Emerging Artists im Kubus.

Was muss man unbedingt über das Hertzlab wissen?

Wir machen sehr regelmäßig öffentliche Veranstaltungen, weil künstlerische Forschung anders als wissenschaftliche Forschung zwar auch mit einer Peer Group funktioniert, aber das sind keine Wissenschaftler:innen: Das seid ihr! Wir sind also darauf angewiesen, dass ihr ab und zu vorbeikommt, wenn wir Veranstaltungen machen und uns erklärt, dass es totaler Quatsch ist, was wir machen, weil ihr eine viel bessere Idee hättet. Wir laden euch herzlich ein zu Open Hertzlabs, TURNS oder zu den Mars-Prototypen: Kommt vorbei und macht mit! Das geht alles nur mit euch zusammen.

Vielen Dank...

für dieses spannende Gespräch! Wir wünschen viel Erfolg mit den Roboter-Meerschweinchen, der Marslandung und allen anderen Projekten.