Folge #41: Architektur in der Kunst entdecken

KulturTalk

von Julia Gärtner

26.11.2025

KulturTalk mit Dr. Kirsten Voigt

Im Kultur-Kaffeekranz Podcast informieren Julia und Lucienne über aktuelle Highlights der Kultur und interviewen spannende Menschen aus den Karlsruher Einrichtungen. Endlich wieder Kunst im Botanischen Garten erleben! Mit der Orangerie ist eines der markanten Gebäude der Staatlichen Kunsthalle endlich wieder eröffnet. Kuratorin Dr. Kirsten Voigt hat im Interview berichtet, was Kunstfans bei der ersten Ausstellung, "Archistories", erwartet.

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Dionisio González, Wittgenstein‘s Cabin 10, 2021, Courtesy Taubert Contemporary, Berlin; Photo Dionisio González, Sevilla

Was ist die Orangerie überhaupt?

Die Orangerie ist eines der schönsten Gebäude in Karlsruhe und vor allem auch eines der wunderbaren Gebäude der Staatlichen Kunsthalle insgesamt. Eigentlich haben wir ja drei Gebäude: Das Hauptgebäude ist aktuell geschlossen. Die Junge Kunsthalle war einmal das Gärtnerhaus, das zum Botanischen Garten gehörte, und die Orangerie war das Gewächshaus. Es schließen sich ja auch noch die Gewächshäuser an. Sie ist auch von Heinrich Hübsch, dem Architekten des Hauptgebäudes, konzipiert. Dort wurden im Winter die sensiblen Pflanzen untergebracht. Jetzt ist sie ein wunderbarer Ort für die Präsentation von Kunst, obwohl sie eigentlich nicht genug Wände in ihrem Inneren und dafür sehr viele Fenster hat. Die Orangerie war seit vielen Jahren schon in betrieb und wird jetzt wieder in Betrieb genommen. Darauf freuen wir uns ungemein, weil uns und den Besuchenden aktuell unser Hauptgebäude sehr fehlt. Wir hoffen, dass es uns mit einem schönen Auftakt gelingt, den Raum wieder in Besitz zu nehmen und zu dem zu machen, was er lange Jahre war. Dort war ja im hinteren Teil auch einmal das Kindermuseum untergebracht, damals war die Orangerie besser besucht als das Hauptgebäude. Sicher lag das auch daran, dass dort die klassische Moderne hing mit dem immer sehr zugkräftigen deutschen Expressionismus mit Künstlern wie Franz Marc, Wassily Kandinsky oder August Macke. Das war eine Highlight-Präsentation, bevor man dann ins Hauptgebäude zur Malerei des Mittelalters und Kunst bis zum 19. Jahrhundert gegangen ist.

Wieso haben Sie sich für das Thema Architektur in der Kunst entschieden?

Nicht zuletzt deshalb, weil wir durch unseren Umbau selbst sehr viel mit dem Bauen zu tun haben! Das Hauptgebäude wird aktuell umgebaut, die Orangerie musste auch saniert werden, weil sie bauliche Mängel aufwies. Ein anderer Grund war, dass wir uns bei der Neukonzeption unserer ständigen Sammlung, die aktuell im ZKM zu Gast ist, überlegt haben, was und wie wir da eigentlich zeigen wollen. Im Vorfeld dieser Konzeption habe ich über einen medienwissenschaftlichen Ansatz nachgedacht, Kunst zu zeigen. Das hieß für mich, entlang an unserem Bestand der Frage nachzugehen: Wie funktionieren welche Kunstwerke als Medium? Über diesen Weg kam ich zu dem Gedanken, dass auch Architektur als Medium fungiert, genauso wie Architektur in Bildern oder in Skulpturen. Architektur spricht in verschiedenen Sprachen über verschiedene Zeitalter hinweg und ist ein Medium, mit dem wir uns ausdrücken. Sie ist aber auch ein Medium, in dem wir ganz konkret unsere Lebensverhältnisse disponieren und definieren, ein Mittel, mit dem wir die Welt verändern und strukturieren: Unser Zusammenleben, unsere Vereinzelung, unsere Öffentlichkeit und unsere Privatsphäre. Mich hat interessiert, was passiert, wenn ein Medium – die Architektur – zum Gegenstand anderer Medien wird, nämlich des Mediums Bild. Plötzlich ist der Raum weg, denn ein Bild illusioniert nur vielleicht den Raum. Das Bild kommentiert den Raum. Was passiert, wenn man eine Zeichnung von Architektur macht, als Entwurf? Oder was passiert, wenn ein Videokünstler einen Dokumentarfilm macht, um die Geschichte eines Hauses zu erzählen? Se war es die Idee, über Mediales nachzudenken, aber auch über sehr Reales, nämlich die Frage: Wie wollen wir leben? Wie strukturiert Architektur unsere Welt? Wir wissen ja, dass die Produktion von Beton viel CO2 ausstößt. Solche Fragen haben mich auch interessiert.

Was erwartet die Besuchenden der Ausstellung genau?

Die Besuchenden erwartet eine ganz reiche Palette der Darstellungen von Architektur. Medial geht es von der Zeichnung und Radierung, Kupferstich und Druckgrafik über die Malerei bis zur Videokunst und Installation, bis hin zu Skulpturen, die eigens für die Ausstellung entwickelt sind. Schon im Entrée wird die Besuchenden ein großer Baum eines in London lebenden Künstlers erwarten, der einen Pfeiler der Mauer umwächst. Man sieht die Architektur also erst auf den zweiten Blick, im Inneren eines Baumes. Die Idee kam daher, dass wir am Botanischen Garten liegen und die Natur in ein Haus eindringen kann. Diese Idee wird ganz am Ende der Ausstellung dann wieder aufgegriffen. Dazwischen sieht man von Francesco Piranesi über Hubert Robert über Robert Delaunay Kunstwerke, die sich mit dem Thema befassen, bis hin zur Gegenwart, in der das Thema offensichtlich immer wichtiger wird. Bei den Recherchen merkte man, dass das Thema sehr viele Künstler:innen umtreibt. Da entstehen Werke wie die Fotoarbeiten von Alain Delorme, einem französischen Künstler, der sich während der Pandemie mit Stillleben befasst hat, weil er nicht raus durfte, um draußen zu fotografieren. Wie ein Kind und auch mit seinen Kindern hat er Dinge gebaut aus all den Dingen, die während der Pandemie rar wurden: Konservendosen, Rotwein (in Frankreich), Spaghetti, Toilettenpapier, Seifen, Mehl, Reis. Da entstehen ganz filigrane Bauwerke auf dem Tisch, die er in den Fotografien farblich verfremdet und die davon zeugen, dass Menschen vom Kindsein bis zum Erwachsenen bauen und eine große Freude am Bauen haben, ob in Krisensituationen oder zum Zeitvertreib. Die Stillleben führen es wie eine anthropologische Konstante vor. Sie werden dann wieder konfrontiert mit einem Werk von Fernand Léger, der auch Bilder gebaut hat in Stillleben, in denen Architektur dann im Hintergrund vorkommt.   

Haben Sie ein persönliches Lieblingsobjekt in der Ausstellung?

Ich bin natürlich von allen Objekten total begeistert. Je mehr man geforscht hat, desto mehr hat man gesehen, wie reich der Bestand im eigenen Haus ist. Es sind etwa 70 Künstler:innen vertreten, von denen etwa 100 Werke stammen. 20 davon sind zeitgenössisch und haben zum Teil eigene Werke für die Ausstellung geschaffen. Das ist wie mit Eltern, die kein Lieblingskind haben: Man ist von jedem Werk neu bezaubert. Als Kuratorin wird man oft gefragt, wieso man Werke auswählt. Ausschlaggebend ist immer die Qualität. Man versucht, beste Werke zusammenzuführen und in einen Dialog zu bringen. In der Ausstellung haben wir zum Beispiel einen Delaunay, der uns den Eiffelturm zeigt, und einen zeitgenössischen französischen Künstler, Laurent Goldring, der auch den Eiffelturm in einem Video zeigt. Der sieht nun aber plötzlich aus wie Piranesis Carceri: Kleine Figuren gehen immer nur rauf und runter und können gar nicht raus. Alles wirkt sehr gespenstisch, mysteriös und dunkel, weil der Eiffelturm im Gegenlicht aufgenommen wird. Plötzlich bekommt der Eiffelturm, den Delaunay als Wahrzeichen der Moderne, der Urbanität gezeigt hat, auch in seiner Fragilität nochmal ein ganz andere Bedeutung. Das passiert in der Ausstellung mehrfach. Wir haben ein Blatt aus Piranesis Carceri und dazu auch einen zeitgenössischen französischen Künstler, Nicolas Daubanes, der eine andere Carceri-Darstellung in sehr großem Format auf Magnetplatten geschaffen hat, die er wie einen Kupferstich bearbeitet hat. Er ritzt hinein und lässt die Zeichnung dann mit Eisenpuder manifest werden, indem es sich auf der Magnetplatte ansetzt. Dieses Eisenpuder erzeugt er, indem er Gefängnistüren zerreibt. Das Material geht hier in das Werk ein, das sich mit Gefangenschaft und Befreiung befasst. Aus dem Gebäude schlagen Flammen und alles wirkt einerseits wie eine Katastrophe, andererseits aber auch wie ein Akt der Befreiung, weil sich das Gefängnis öffnet. Solche Dialoge versucht die Ausstellung zu inszenieren.

Die Ausstellung hat ja auch noch eine auditive Ebene. Was kann man hier entdecken?

Wir haben nicht nur klassische vermittelnde Audioguide-Texte zu den Bildern geschrieben, sondern hatten auch eine tolle Kooperation mit der Hochschule für Musik mit Prof. Overbeck und Frau Fritz. In einem Seminar haben Studierende zu von ihnen ausgewählten Bildern Klangbilder geschaffen. Das ist eine extrem spannende Erweiterung der Wahrnehmung der Bilder, wenn man sich auf dem Mediaguide die Klangcollagen anhört, die dem Ganzen eine andere Wendung geben, etwas sehr Reales oder Übersinnliches. Man ist zum Beispiel mitten in Paris, hört Akkordeonklang um den Eiffelturm herum, Baulärm und Tourist:innen-Stimmen, bis hin zu nostalgischen Anmutungen. Das hat uns unglaublich Spaß gemacht. Auch wenn man die Werke schon lange bearbeitet hat, hört man sie und sieht sie dann auch anders, das ist spannend.

Wie sieht das Veranstaltungsangebot rund um die Ausstellung aus?

Da die Ausstellung aufgrund von Verzögerungen bei der Restaurierung der Orangerie immer wieder verschoben werden musste, ist auch das Begleitprogramm etwas verschoben. Deshalb ist die Ausstellung „Mein Raum – Mehr als vier Wände“ in der Jungen Kunsthalle schon vorbei, die eigentlich parallel dazu geplant war. Die Ausstellung hat Innenräume im Bild für Kinder und Jugendliche zugänglich gemacht, kommentiert und sich mit Architektur mit Blick auf das Innere befasst. Auch gelaufen ist eine Kooperation mit der Schauburg. Hier haben wir Filme gezeigt, in denen Architektur eine Rolle spielt und passend zu diesem Thema anhand unserer Bestände auch Führungen angeboten.  Während der Ausstellung findet noch eine Vortragsreihe statt. Darin widmen wir uns zum Beispiel fantastischen Architekturen, rechten Räumen oder auch Verschwörungstheorien, die sich um Architekturen herum bilden. Es finden auch Künstler:innengespräche statt, zum Beispiel am Tag nach der Eröffnung mit Jochen Kuhn über einen seiner Filme, „Neulich 2“, oder mit Rebecco Ann Tess als kunstschaffende Person, die überall in der Welt herumreist und Architekturen fotografiert.

Vielen Dank...

für dieses spannende Gespräch! Wir wünschen viel Erfolg beim Bauen und mit der AUsstellung.