Ausstellungsansicht Archistories mit "Wittgensteins Cabin" von Dionisio Gonzalez

Archistories

Architektur in der Kunst entdecken in der Orangerie der Kunsthalle

von Julia Gärtner

06.02.2026

Architektur in der Kunst entdecken

Endlich mal wieder in die „alte“ Kunsthalle gehen! Zumindest in eines der historischen Nebengebäude, die Orangerie, in der früher temperaturempfindliche Pflanzen aus dem Botanischen Garten zum Überwintern untergebracht wurden. Auf diesen Besuch bei der Staatlichen Kunsthalle haben wir uns schon lange gefreut. Schließlich ist das klassizistische Hauptgebäude schon seit Ende 2021 im Rahmen von Sanierungsarbeiten geschlossen, und auch wenn die Sammlungspräsentation „See You“ im Hallenbau die Wartezeit verkürzt, ist die Wiedersehensfreude durch die besondere Atmosphäre der Anlagen direkt am Grünen groß.

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Architektur und Natur: Mit- oder gegeneinander?

Perfekt zur Situation passend ist auch das Thema der ersten Ausstellung, mit der die Orangerie in die Karlsruher Museumswelt zurückkehrt: „Archistories“ befasst sich mit der Architektur in der Kunst. Was könnte passender sein für ein Museum, dessen Architektur bei der Sanierung gerade eine so zentrale Bedeutung bekommt? Gleich im Eingangsbereich wird dieses Thema durch ein Video aufgegriffen.

Ideal in die Umgebung am Botanischen Garten fügt sich auch ein Thema ein, das in der Darstellung der Architektur ebenfalls häufig vorkommt: Die Beziehung der menschengemachten Bauten zur Natur. Inwiefern drängen wir die Natur zurück? Und wie erobert sie sich Gebäude auch wieder zurück, wenn sie die Chance dazu bekommt? Damit beschäftigt sich die Installation von Henrique Oliveira, die ebenfalls gleich in der Rotunde auf uns wartet. Ein Baumstamm scheint aus dem Boden zu wachsen, durch den Boden der Orangerie und herum um einen Turm Backsteine in seiner Mitte. Die Natur taucht in der Architektur wieder auf – und das ausgerechnet in einem Gebäude, das gebaut wurde, um Gartenpflanzen zu beschützen!

Vom Spielzeug-Modell zu futuristischer KI

So sind wir schon mittendrin in der Betrachtung der Architektur in der Kunst, noch bevor wir uns eigentlich auf den Rundgang begeben. Die Ausstellung ist unterteilt in thematische Inseln, zu denen sich die etwa 100 gezeigten Werke lose gruppieren. An diesen Stationen befassen sich jeweils verschiedene Werke mit ähnlichen Aspekten und zeigen, wie vielfältig die Sammlung der Kunsthalle ist, aus der die meisten von ihnen stammen, ergänzt durch Arbeiten zeitgenössischer Künstler:innen. So tauchen bestimmte Motive in unterschiedlichen Zeiten und Strömungen der Malerei immer wieder auf und verändern ihre Bedeutung völlig, je nachdem, wie sie dargestellt werden.

Sofort ins Auge fallen uns die knallbunten Modelle von Stephen Craig. Der Professor am KIT schafft Gebäudemodelle, die fast aussehen, als wären sie als Spielzeuge gedacht. Leben in einem Puppenhaus, das hin und her schwingt? Wieso eigentlich nicht? Craig schaut sich besonders die soziale Funktion an, die Räume haben sollen, und wie Menschen mit den Gebäuden interagieren können. So würde das „Rockinghouse“ sich zum Beispiel bewegen, wenn es angepustet wird, da sich ein Ball darin bewegt. Diese Architektur hält auf jeden Fall Überraschungen bereit und lädt zum Träumen ein! Im Gegensatz dazu finden sich auch Werke wie die Skulptur „Alte Schule ohne Platz“ von Hubert Kiecol, die nur aus grauem Beton bestehen und sich nur noch auf ihr Dasein im Raum beziehen. Wohnen kann man hier auf keinen Fall mehr!

Doch nicht nur Gebäudemodelle sind in der Ausstellung zu entdecken: Auch Darstellungen idyllischer Orte wie Murnaus am Staffelsee oder Sorrents finden sich, an denen Künstler:innen selbst kreativ wurden. Spannend ist hier besonders das Werk „Wittgenstein’s Cabin“ von Dionisio González, das computergeneriert einen abgeschiedenen Ort für den Philosophen Wittgenstein konstruiert und auch das Plakat zur Ausstellung ziert. Oder wie wäre es mit einem filmischen Rundgang durch Thomas Manns Haus in Pacific Palisades, in dem er nach seinem Weggang aus dem nationalsozialistischen Deutschland gezogen ist?

Von Konserven-Skulpturen, Ruinen und Hochhäusern

Auch zeitgenössische Künstler haben ihren Eingang in die Ausstellung gefunden. Der französische Künstler Alain Delorme hat das Leben während der Corona-Pandemie in seinen Werken eingefangen, indem er knapp gewordene Güter zu Kunstwerken arrangiert hat. Daraus entstehen skurril anmutende Figuren aus Klopapier oder Konserven, die zeigen, wie fragil unsere Welt ist und wie Dinge durch die Inszenierung ihren Wert zu zeigen scheinen.

Hängen bleiben wir auch an einem Foto, das Michael Wesely bei der Gay Pride Parade 1998 aufgenommen hat. Natürlich ist es aber keine gewöhnliche Fotografie: Durch Langzeitbelichtung über mehr als zwei Stunden hinweg ist in diesem Bild das gesamte Vorbeiziehen der Parade enthalten – verschwimmt aber zu einer Art Teppich, in dem die Menschen in den Straßen sich aufzulösen scheinen und die eigentliche Parade gar nicht mehr nachvollziehbar ist. So wird der Einfluss von Zeit auf das Gesehene direkt erfahrbar. Es bleibt allein die Architektur um die Menschen herum, die Gebäude am gezeigten Straßenzug. Passend dazu können im Bereich der klassischen Malerei Darstellungen von Ruinen wie die von Hubert Robert bewundert werden, die ebenfalls den Einfluss von Zeit und Natur auf Gebäude darstellen, nur eben auf völlig andere Weise.

Motive wie belebte Plätze, Brücken als transitorische Räume oder Gefängnisse tauchen fast durchgängig in der Kunstgeschichte immer wieder auf und werden je nach Kontext unterschiedlich gelesen. Auch der menschliche Größenwahn scheint in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder in der Architektur Ausdruck zu finden, ob in den monumentalen Bauten, mit denen sich Diktatoren Denkmäler setzten, oder in den scheinbar unendlich wachsenden Hochhäusern, die ein kapitalistisches System als Demonstration wirtschaftlicher Macht hervorbringt.

Architektur hören

Besonders toll sind nicht nur die vielfältigen Objekte, die es in der Ausstellung zu erkunden gibt. Es werden auch verschiedene Möglichkeiten geboten, die Ausstellung zu erleben. So gibt es nicht nur einen klassischen Audioguide sowie ein Begleitheft für Kinder, sondern auch eine Audiospur unter dem Titel „Klangräume“. Sie wurde gemeinsam mit Studierenden der Hochschule für Musik erarbeitet und ermöglicht es den Besucher:innen, passende Tonspuren zu den Werken zu hören. Dabei wird das Betrachten des Eiffelturms von Robert Delaunay zu einer richtigen Reise in die Zeit der Moderne: Straßengeräusche , Menschenmengen oder ein Gewitter versetzen die Betrachtenden in die Situation des Gemäldes und lassen neue Aspekte hervortreten. Wie klingt wohl eine kubistische Küche, die Ferdinand Leger in seinem „Stillleben“ zeigt? Oder die Gefangenschaft, Härte und Einsamkeit, die Nicolas Daubane uns heute in seinem „Brennenden Bogen“ zeigt?

Den Besuch in der Orangerie können wir Euch jedenfalls wärmstens ans Herz legen. Entdeckt eines der schönsten historischen Gebäude Karlsruhes wieder, genießt Einblicke in die unglaubliche Sammlung der Kunsthalle und werft völlig neue Blicke auf die Architektur um uns herum!

Archistories

Architektur in der Kunst

Orangerie Karlsruhe
Hans-Thoma-Straße 6
76133 Karlsruhe

29. November 2025 bis 12. April 2026
8 Euro / erm. 6 Euro
Eintritt frei am Happy Friday: immer freitags ab 14 Uhr
Dienstag & Mittwoch: 11 – 18 Uhr
Donnerstag: 11 – 20 Uhr
Freitag – Sonntag & Feiertage: 11-18 Uhr

www.kunsthalle-karlsruhe.de