Folge #49: Lost Places in Karlsruhe
KulturTalk
KulturTalk mit Harald Wacker
Ein Bad wird zum Tropenhaus, eine Fabrik zur Erinnerung: In Karlsruhe verschwinden immer wieder Orte, an denen einmal Leben war. Harald Wacker hält sie mit seiner Kamera fest, kurz bevor sie abgerissen oder umgebaut werden. Wie aus dieser Faszination für das Vergängliche die Ausstellung „Lost Places in Karlsruhe“ im Stadtmuseum entstanden ist, hat der Fotograf Lucienne und Lena im KulturTalk verraten.
Tullabad; Foto: Harald Wacker
Magst du dich und deinen Beruf, oder besser gesagt deine Berufe, kurz vorstellen?
Mein Name ist Harald Wacker und von Beruf bin ich Rentner im Unruhestand. Gelernt habe ich Maschinenbautechniker. Ich bin unter anderem einer der Leiter des Verkehrsmuseums Karlsruhe, aktiv im Vorstand der Verkehrswacht und Referent bei der VHS, wo ich Töpfer- und Acrylmalkurse gebe. Mein großes Hobby ist das Fotografieren.
Aktuell ist deine Ausstellung „Lost Places in Karlsruhe“ im Stadtmuseum zu sehen. Wie bist du dazu gekommen, Lost Places zu fotografieren, und was fasziniert dich an dem Thema?
Am Anfang stand die Lust am Fotografieren – und irgendwann hatten es mir die alten Gebäude angetan. Das begann 1983 mit dem Abriss der alten Malzfabrik Wimpfheimer in meiner Heimat Mühlburg. Dieser Abriss und das Geschehen drumherum haben mich so fasziniert, dass ich damals noch mit meiner alten Schwarz-Weiß-Kamera begonnen habe, Lost Places zu fotografieren. Es ist die Faszination, Vergängliches festzuhalten und die Schönheit des Zerfalls zu dokumentieren – gewissermaßen eine Zeitkapsel. Und ich bin gern einer der Letzten, die an solch einem Ort fotografieren dürfen. Ein leer stehendes Gebäude reizt mich nicht sofort. Mich zieht es erst dann hin, wenn ich weiß, dass in zwei Wochen der Umbau oder Abriss beginnt und ich einer der Letzten bin, die es noch einmal festhalten können. Das macht für mich den besonderen Reiz aus.
Wie stößt du auf die einzelnen Orte und wie wählst du aus, wohin du gehst?
Man sieht die Orte mit offenen Augen – beim Vorbeifahren mit dem Auto oder Fahrrad oder bei einem Spaziergang entdeckt man hinter einem Gebüsch ein altes Gebäude und geht näher heran. Manche Highlights kennt man als Karlsruher ohnehin, etwa das Tullabad. Dazu kommen Tipps aus einer Community von Fotokolleginnen und -kollegen, die sagen: „Guck mal entlang der Schwarzwaldhochstraße, da steht ein altes Hotel – kennst du das schon?“ Überraschungen bei der Recherche gab es kaum. Unangenehme Überraschungen gibt es eher vor Ort, zum Beispiel im Keller, wo einem schon mal Ratten begegnen. Eine Spinnenphobie darf man definitiv nicht haben. Und manchmal trifft man Menschen, die dasselbe Hobby haben. Wenn abends Schritte in einer alten Werkhalle zu hören sind, fragt man sich erst einmal, wer da kommt. Aber ich war immer guter Dinge, und es war alles positiv besetzt.
Gibt es einen Ort in der Ausstellung, der dich besonders bewegt hat?
Alle Lost Places, die ich fotografiert habe, machen etwas mit einem, ob ein altes Pflegeheim oder eine alte Fabrik. Auf Karlsruhe bezogen war es aber das Tullabad. Das kennen alle Karlsruher, zumindest die etwas älteren, und es ist eines der wenigen Objekte, die eine weitere Nutzung erhalten haben. Oft gibt es stattdessen einen Abriss und einen Neubau. Das alte Tullabad kenne ich persönlich, weil ich dort schon als kleines Kind und als junger Erwachsener schwimmen war. Heute ist daraus das Exotenhaus des Zoos geworden. Ich war wirklich einer der Letzten, die offiziell, mit Schlüssel, drin waren. Wenn man dann sieht, was daraus geworden ist – vom Bad zum Exotenhaus –, ist das schon eine besondere Geschichte.
Bei welchen Orten denkst du dir, hier könnte man noch einmal Leben einhauchen?
Da fällt mir spontan ein Ort ein: eine Kleingartenanlage in der Nähe von Schloss Gottesaue, beim bekannten Oststadtkreisel. Diese Anlage wurde aufgegeben, und wenn man als Fotograf hindurchgeht, sieht man wirklich, dass dort Leben war. Überall stehen persönliche Gegenstände – Kinderspielzeug, Stühle, liebevoll gestaltete Häuschen, ein selbst gemauerter Brunnen. Ich fand es sehr schade, dass die Menschen, die dort ihr Gärtchen gepflegt haben, weg mussten. Oft findet danach gar keine neue Nutzung statt, sondern das Gelände liegt lange brach. Man hätte die Menschen sicher noch ein Weilchen dort lassen können.
Kann man die Orte, die du fotografiert hast, heute noch besichtigen? Und gab es Termine, die du aus Sicherheitsgründen abbrechen musstest?
Besichtigen kann man die Orte in der Regel nicht mehr: Rund 90 Prozent sind abgerissen. Das Schlachthofgelände und das Tullabad wurden nur teilweise abgerissen und umgebaut. Ein schönes Projekt war Wolf und Sohn an der Durlacher Allee, wo ich offiziell fotografieren durfte. Dort ist inzwischen das Führungs- und Lagezentrum der Polizei eingezogen, sodass man weder hinein kann noch den ursprünglichen Zustand sieht. Die allerwenigsten Orte kann man also noch einmal betreten, weil ich, wie gesagt, gern der Letzte bin. Abbrechen musste ich einen Termin nie. Es gab unangenehme Begegnungen, die sich am Ende als harmlos herausstellten. Ich bereite mich aber auch vor: Ich schaue mir die Location vorher an, überlege, wie ich hinkomme, wo ich das Auto abstelle und wie ich hineinkomme, und frage, wenn möglich, den Besitzer. Dann ergibt sich der Rest..
Teil der Sonderausstellung ist auch ein Escape Game. Kannst du uns das näher erläutern?
Das Escape Game heißt „Der letzte Badetag“ und lädt die Besucherinnen und Besucher dazu ein, sich auf spielerische Weise mit der Geschichte des einstigen Tullabades auseinanderzusetzen, das heute als Exotenhaus des Zoos eine zweite Nutzung erfahren hat. An vier Stationen – etwa dem Büro des Bademeisters oder der Umkleide mit Dusche – müssen die Spielerinnen und Spieler unterhaltsame Rätsel lösen. Man kann es mit mehreren Personen gleichzeitig spielen und muss nichts buchen, sondern besucht das Spiel einfach im Rahmen der Sonderausstellung. Ohne die Ausstellung ist es nicht spielbar. Es soll auf spaßige und unterhaltsame Weise einen Zugang zur Stadtgeschichte bieten.
Vielen Dank...
… dass du über Deine Arbeit berichtet hast! Wir wünschen weiter viel Erfolg.