Interview: Chlorreiche Tage
Hinter den Kulissen einer Ausstellung im Freibad
Am ersten Wochenende im Juni wird es chlorreich im Rüppurer Freibad: ein interdisziplinäres Kollektiv aus vier Gestalter*innen der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe mit Hintergründen in Kommunikationsdesign, Produktdesign und Szenografie eröffnet die Ausstellung „Chlorreiche Tage“. Im Gespräch mit den vier Initiatorinnen Pauline Kuch, Charlotte Singer, Lisa Eigmüller und Lilith Stumpf.
Wie ist die Idee zu „Chlorreiche Tage“ entstanden – und warum ausgerechnet eine Kunstausstellung im Freibad?
Die Idee zu „Chlorreiche Tage“ entstand schon vor zwei Jahren bei einem unserer vielen Besuche im Freibad Rüppurr. Beim Zusammenliegen auf der Wiese haben wir darüber zum ersten Mal nachgedacht, wie viel Platz und Potenzial ein Freibad für kreative Interventionen bietet. Uns war wichtig, eine Ausstellung zu schaffen, die zugänglich ist und viele Menschen erreicht. Gerade in Kunst und Design wird häufig für ein bereits eingeweihtes Publikum gearbeitet, da viele Ausstellungsräume exklusiv und stark in der Szene verankert sind. Im Freibad hingegen begegnen sich Menschen aus unterschiedlichsten Lebensrealitäten, Kulturen und Generationen. Es ist ein Ort, an dem Gestaltung und auch politische Entscheidungen alle gleichermaßen betreffen. Das macht ihn für uns so spannend.
Der Titel „Chlorreiche Tage“ weckt sofort Bilder und Erinnerungen – was steckt hinter dem Konzept der Ausstellung und welche Perspektiven auf Freibadkultur möchtet ihr zeigen?
„Chlorreiche Tage" beinhaltet zwei Aspekte: das freudige Erinnern und gleichzeitig eine leichte Melancholie. Freibäder stehen immer wieder unter wirtschaftlichem Druck und sind oft auf Unterstützerkreise und Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, angewiesen. Laut dem Deutschen Schwimmverband (DSV) gibt es in Deutschland rund 5.800 Freibäder, eine Dichte, die in Europa einzigartig ist: Allerdings wurden seit den 1990er Jahren bereits Hunderte Bäder davon geschlossen – allein zwischen 1990 und 2020 verschwanden nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen über 4.000 öffentliche Bäder, Frei- und Hallenbäder zusammengerechnet. Fehlende kommunale Mittel, steigende Energiekosten und mangelnde Investitionen stellen Bedrohungen für diese Orte dar. Sie sind jedoch relevante Räume der Begegnung, der Teilhabe und Demokratie – und genau deshalb schützenswert. Deutschland hat die Freibadkultur nicht erfunden, doch hat sie hier eine besonders lebendige und unverwechselbare Form angenommen – geprägt von einer dichten Landschaft an Naherholungsorten, beiläufigen Liegewiesen und einem entspannten Freizeitverständnis.
Eine Ausstellung in einem Freibad ist ein ungewöhnlicher Ausstellungsort. Welche Chancen, aber vielleicht auch Herausforderungen bringt ein solcher öffentlicher Raum für Kunst und Design mit sich?
Ein Freibad als Ausstellungsort bringt ganz viele Chancen, wirft aber auch neue Herausforderungen auf. Da es sich nicht um einen klassischen „White Cube“ handelt, mussten wir Lösungen für viele ortsspezifische Probleme finden: So gibt es zum Beispiel keine Steckdosen auf der Liegewiese, keine weißen Wände, keine klimatisierte Stille; stattdessen: Wasser, Wespen, Sonne, Lärm, Rasensprenger, die täglich angehen und einen Unterwasser-Putzroboter. Deshalb war ein flexibles Ausstellungskonzept (von Amelie Enders, Klara Beck und Asimina Sideris) besonders wichtig. Auch die Konfrontation mit Badegästen, darunter auch Kinder, muss mitgedacht werden. Wir wissen nicht, wie die Besucher*innen darauf reagieren werden, plötzlich Kunst und Design in ihrem Badealltag vorzufinden. Anders als im Museum müssen wir hier viel stärker erklären, was wir tun und warum.
Hinter dem Projekt steht ein großes Netzwerk aus Studierenden, Alumni, Partnerinstitutionen und Unterstützer*innen. Wie lief die Zusammenarbeit – und was macht eine solche kollaborative Organisation besonders?
Gerade öffentliche Räume sollten idealerweise kollaborativ bespielt werden, da sie von unterschiedlichen Bedürfnissen und Perspektiven geprägt sind. Für uns stand deshalb von Anfang an künstlerische Interdisziplinarität und Kooperationen im Vordergrund. Zudem war es uns wichtig, Kreativschaffenden eine Bühne zu geben, die mehrheitlich noch am Anfang ihrer künstlerischen Karriere stehen. Die Zusammenarbeit war geprägt von vielen Abstimmungen, E-Mails und Meetings, aber vor allem war sie intensiv, lehrreich und sehr bereichernd. Es war beeindruckend zu sehen, wie unterschiedlichste Disziplinen, Institutionen und Einzelpersonen ineinandergreifen, um ein solches Projekt zu ermöglichen.
Welche Rolle spielt Karlsruhe als UNESCO City of Media Arts für ein Projekt wie dieses? Gibt es Verbindungen zwischen der Ausstellung und dem kreativen bzw. medialen Profil der Stadt?
Wir sehen hier eine große Verbindung. Unsere Einladung an die Künstler*innen war multimedial geprägt: Welche Medien funktionieren im Raum “Freibad”? Wie kommuniziert eine Arbeit mit den Besucher*innen? Wie kann etwas sichtbar, spürbar oder hörbar werden, ohne den Ort zu überwältigen? Die Antworten sind so vielfältig wie die Arbeiten selbst – von Objekten im Wasser über textile Installationen bis hin zu interaktiven Arbeiten, die sich in das Rauschen des Freibads einfügen, anstatt es zu übertönen. Das Medium wird hier nicht vorausgesetzt, sondern immer wieder neu erfunden. Angepasst an Chlorwasser, Liegewiese und den besonderen Rhythmus eines Sommertages. Das Team rund um die städtischen Anlaufstellen der UNESCO City of Media Arts war für uns eine große Unterstützung und von Anfang an sehr offen für unsere Ideen.
Was war für euch in der Vorbereitung der spannendste, überraschendste oder vielleicht auch herausforderndste Moment?
Unsere wichtigste Erkenntnis: Überall stehen Türen offen, um Ideen in die Tat umzusetzen; man muss sie nur erkennen und immer wieder anklopfen. Der Startschuss war die Zusage der Karlsruher Bäder, durch die klar wurde, dass wir unsere Pläne wirklich umsetzen können. Von der hohen Anzahl an Bewerbungen für die Ausstellung waren wir begeistert, aber auch organisatorisch gefordert: Rund 40 Positionen zu koordinieren und allen gerecht zu werden und an die Anforderungen des Ortes anzupassen ist eine logistische und kommunikative Meisterleistung mit unserem kleinen Team.
Was wünscht ihr euch, das Besucher*innen aus „Chlorreiche Tage“ an Eindrücken und Anregungen mitnehmen?
Wir möchten Menschen im Alltag mit Kunst und Kultur überraschen und bereichern, ohne dass sie aktiv danach suchen müssen. Besonders freuen wir uns, wenn Besucher*innen neugierig sind, sich auf die Arbeiten einlassen und vielleicht im Anschluss auch weitere kulturelle Angebote von jungen Initiativen in Karlsruhe entdecken. Idealerweise verlassen sie das Freibad mit einem neuen Blick auf einen vertrauten Ort und einem stärkeren Bewusstsein für dessen Wert. Wir hoffen auf Offenheit, Partizipation und einen regen Austausch – und gutes Wetter.