Ein tierisches Interview im Naturkundemuseum – Teil 2

Von brabbelnden Drückerfischen, jungfräulicher Empfängnis und Haie fischen in der Badehose

Zum Interview

Jennifer

Im zweiten Teil unseres Interviews mit Johann Kirchhauser, Vivariumsleiter des Karlsruher Naturkundemuseums, plaudern wir virtuell über skurrile und ulkige Anekdoten aus über 30 Jahren Musemserfahrung. Denn: Wer denkt, dass hier nur Fische gefüttert werden, wird schnell eines Besseren belehrt!

Unser Stargast: Diplom-Biologe Johann „Hannes“ Kirchhauser, Leiter des Vivariums im Karlsruher Naturkundemuseum. Von Kindesbeinen an begeisterte Biologe, konnte er seinen „Aquarianer-Traum“ in Karlsruhe Wirklichkeit werden lassen: Über einen Tipp des Direktors der Stuttgarter Wilhelma bewarb er sich 1988 um ein Volontariat im Vivarium des Staatlichen Museums für Naturkunde (das zu seiner Überraschung nicht im Zoologischen Stadtgarten beheimatet war). Ob Schicksal, aquaristisches Können oder sein geerbter „sprichwörtlicher Schwabenfleiß“ – kurz darauf konnte er die Nachfolge des Vivariums-Leiters antreten, das, wie er heute weiß, „nicht nur im Herzen Karlsruhes liegt, sondern für gebürtige Karlsruher auch eine Herzensangelegenheit ist, gefüllt mit vielen Kindheitserinnerungen.“

Vivariumsleiter Johann Kirchhauser im Haibecken, 2017

Was fasziniert Sie ganz persönlich an der Unterwasserwelt? Warum nennen Sie sich selbst einen „Meerwasserfuzzi“?

Mich fasziniert die Vielfalt des Lebens im Meer. Sie ist einfach nicht zu toppen – viele Tiergruppen kommen nur im Meer vor, wie etwa Tintenfische, Seesterne, Röhrenwürmer oder Korallen. Auch die Farben und Formen von Fischen oder Krebstieren sind nirgendwo so prächtig und skurril wie im Meer. Von verrückten Verhaltensweisen ganz zu schweigen…. Selbst in Meerwasser-Aquarien, die schon über 10 Jahre laufen, entdecke ich bei genauerem Hinsehen heute noch Dinge, die mich richtig umhauen. Da fühle ich mich wie ein echter Pionier, dem sich neue Wunder offenbaren. So gelang mir hier, mitten in Karlsruhe, einer der ersten Nachweise von Jungfernzeugung bei Haien; so durfte ich hier, mitten in Karlsruhe, das Fortpflanzungsverhalten von in der Tiefsee lebenden Schnepfenfischen dokumentieren (die einzigen Fotos, die es weltweit davon gibt!); so entdeckte ich vor ein paar Monaten neben sterbenden Korallen winzige Tierchen mit zwei beweglichen Lappen, die im Moment kein Wissenschaftler zuordnen kann. Ist das nicht der Hammer? Das Meer hat noch viel zu bieten, ich bekomme es hier live serviert und meine Faszination findet kein Ende.

Das mit dem „Meerwasser-Fuzzi“ scheint den Leuten zu gefallen. Es kam zustande, weil ich finde, dass sich viele Leute zu wichtig nehmen. Ok, ich bin ein Workaholic (es ist kein Zufall, dass ich diese Zeilen gegen Mitternacht schreibe) und genieße als Experte in Sachen Meerwasser-Aquaristik in Fachkreisen einen guten Ruf. Wahrscheinlich ist es auch kein Zufall, dass ich ein Korallenbecken der Superlative bezüglich Größe und Qualität nach Karlsruhe bringen konnte. Aber als Kind der 70er Jahre mag ich Typen, die trotz ihrer Erfolge auf dem Boden bleiben. Gerade in der High-end- Meerwasser-Aquaristik gibt es schon viel zu viele arrogante Pinsel. Um das auf die Schippe zu nehmen, habe ich mich in einem YouTube-Beitrag flapsig als „Meerwasser-Fuzzi“ bezeichnet. Seitdem hängt mir das an. Ich find’s lustig und kann gut damit leben. Übrigens beschreibe ich in diesem dreiteiligen YouTube-Beitrag namens „Tank Party XXL“ die Entstehung unseres Haibeckens – es ist immerhin Deutschlands größtes lebendes Korallenriff! – Reinschauen lohnt sich!

Skurriler Krebs: Harlekingarnele

Fluoreszierende Koralle

Anekdote #1: Der Rotzahn-Drückerfisch-Debattierclub

Als ich im Haibecken für Reinigungsarbeiten tauchte, hörte ich murmelnde Geräusche. Da man bei Fischen weniger Lärm erwartet, dachte ich, dass ich bereits so friere, dass ich mit den Zähnen am Gummi-Mundstück des Atemreglers reibe. Um die Lage zu checken, hielt ich den Atem an – und siehe da, das Geräusch war weiterhin zu hören. Ich schaute hoch und sah, dass eine Gruppe von 12 Rotzahn-Drückerfischen meine Arbeiten in 1,5 m Abstand genau beobachtete. Ich hatte noch nie gehört, dass Drückerfische Laute von sich geben können, tauchte in eine andere Ecke des Beckens und hielt wieder die Luft an – kein Geräusch zu hören! Dann kehrte ich an die alte Stelle zurück und arbeitete weiter. Und siehe da: Nach wenigen Minuten standen wieder die Drückerfische da und lautes Gemurmel war zu hören. Inzwischen weiß ich, dass es zwei Bereiche im Haibecken gibt, die den Rotzahn-Drückerfischen wohl besonders am Herzen liegen. Immer, wenn ich dort etwas verändere, einen Stein hebe, etwas abbürste etc. findet sich in kurzer Zeit der Drückerfisch-Debattierclub ein und diskutiert lautstark, ob das nun ok ist oder nicht. Inzwischen gelang es mir, diese Diskussion zu filmen. Der Film wurde vom Museum auf YouTube unter „Rotzahn-Drückerfische erzeugen Töne“ eingestellt.

Rotzahn-Drückerfisch

Haibecken 2020 (vorne Hai-Dame Karla, hinten Kalli)

Anekdote #2: Die Jungfräuliche Empfängnis des Weißgepunkteten Bambushai

Im Jahr 1996 bot uns ein Aquarianer einen halbwüchsigen Weißgepunkteten Bambushai an, der ihm zu groß wurde. Da wir damals auch keine großen Becken hatten, wollte ich das Tier eigentlich nicht annehmen. Der Aquarianer jammerte mir aber so die Ohren voll, dass ich mich doch noch breitschlagen ließ, das Tier ins Vivarium zu nehmen. Nach fünf Jahren war der Hai mit einer Länge von 80 cm geschlechtsreif und begann Eier zu legen. Hai-Eier haben eine transparente Hülle, durch die man den Dotter gut erkennen kann. Das wollte ich unseren Besuchern zeigen und hängte 20 Eier ins Schau-Aquarium. Ich nahm an, dass sich in ihnen nichts entwickeln würde, da wir kein Männchen zum Befruchten der Eier hatten. Mit der Zeit zerfällt der Dotter unbefruchteter Eier. Wenn man das erkennen kann, sollte man die Eier aus dem Becken entfernen, da sie sonst mit Fäulnisvorgängen das Wasser belasten. Nach drei Wochen waren alle Eier hinüber – bis auf vier Eier, in denen der Dotter kugelrund blieb. Nach vier Wochen kam mir das komisch vor und ich durchleuchtete diese Eier mit einer Lampe – und die Überraschung war groß: in diesen Eiern bewegte sich ein Embryo, der mit einer Nabelschnur mit dem Dotter verbunden war! Ich konnte das kaum glauben, lebte unser Weibchen doch seit 5 Jahren ohne Männchen bei uns!

Ich erkundigte mich bei Hai-Spezialisten der Deutschen Elasmobranchier-Gesellschaft und bekam die Auskunft, dass es nur zwei Erklärungen für so etwas gebe:

1. Jahrelange Sperma-Speicherung (bis zu 2 Jahre waren bei Haien bekannt).

2. Jungfernzeugung (Parthenogenese), also quasi Klone des Weibchens, die ohne Männchen zustande kommen. Derartiges gibt es bei Insekten oder Krebsen durchaus. Bei Haien gebe es so etwas nicht!

Langer Rede kurzer Sinn: Wir glaubten, einen neuen Weltrekord für Spermaspeicherung bei Haien im Hause zu haben und haben das so publiziert. Unsere Haidame (inzwischen mit dem Namen „Mariechen“ belegt) machte unverdrossen weiter und wir glaubten, Jahr für Jahr einen neuen Rekord für Spermaspeicherung aufzustellen – bis im Jahr 2008 über den Erstnachweis einer Jungfernzeugung bei einem Hai in den USA berichtet wurde. Das rüttelte uns wach und wir ließen in München die DNA unseres Mariechens und seiner Töchter analysieren. Ergebnis: Sie waren all die Jahre über Jungfernzeugung entstanden!!!! Hätte ich Jahre zuvor nicht auf die „Hai-Experten“ gehört, dann hätten wir in unserem Vivarium im Jahr 2001 den weltweiten Erstnachweis für eine Jungfernzeugung bei Haien liefern können – eine wissenschaftliche Sensation! Ich will gar nicht sagen, wohin ich mich bei diesem Gedanken beißen könnte…

Mariechen mit Ei

Bambushai-Ei mit Embryo

Anekdote #3: Wie Kalli nach Karlsruhe kam

Als im Jahr 2013 klar war, dass wir ein großes Haibecken bauen werden, veröffentlichte ich einen kleinen Bericht über die Planungen in der Fachzeitschrift „Der Meerwasser-Aquarianer“ (die übrigens in der Karlsruher Umgebung ihren Sitz hatte). Kurz nach Auslieferung des Magazins klingelte das Telefon im Vivarium und mir erklärte ein Aquarianer aus München, dass er uns seinen Schwarzspitzen-Riffhai für das Becken spenden wolle. Ich nahm ihm nicht ab, dass er als Privatmann einen derartigen Hai zu Hause habe, und verlangte ein Foto des Tiers. Und in der Tat wurde uns ein Foto gemailt, auf dem ein Schwarzspitzen-Riffhai zu sehen war, der in einem 5 m langen Becken seine Runden drehte. Einerseits tat mir das Tier leid, weil es viel zu beengt lebte, andererseits war es eine Gelegenheit, günstig an einen Hai zu kommen. Ich sagte also zu. Der Besitzer gestand auch reumütig ein, dass es eine Dummheit von ihm gewesen war, dass er vor 17 Jahren diesen Hai als Jungtier gekauft habe. Als die Übernahme nach fast 3 Jahren anstand, rief ich in München an, ob das Tier denn noch da sei. Die Frau des Aquarianers hob ab und rief in den Garten „Kalli! Karlsruhe ist wegen dem Hai dran.“ Ich dachte: Kalli und Karlsruhe – das passt ja wunderbar. Der Vorbesitzer hatte eine Riesenfreude, als ich ihn fragte, ob wir seinen Hai nach ihm benennen dürfen. So kam Kalli zu seinem Namen. Für den Transport ließen wir eine möglichst große Wanne bauen, die gerade noch in unseren VW-Bus passte und dabei dem Hai Gelegenheit gab, seine Runden zu drehen.  Am Tag der Überführung sollten wir anrufen, wenn wir bei Augsburg angekommen waren, damit er das Herausfangen vorbereiten konnte.

Wir staunten nicht schlecht, wie die Vorbereitung aussah: Er hatte lediglich den Wasserstand im Aquarium abgesenkt und seine Badehose angezogen! Meine Bedenken, ob das nicht zu gefährlich sei, zerstreute er sofort mit den Worten, dass er das bei der Reinigung des Beckens auch immer so mache. Der Hai schwamm um ihn herum, schwamm zwischen seinen Beinen durch und rempelte ihn an – aber es passierte tatsächlich nichts. Nach mehreren Versuchen gelang es uns, ihn in eine große Tüte zu zwingen, und wir rannten mit dem Hai in der Tüte das Treppenhaus hoch zur Wanne im Museumsbus. Dort begann Kalli sofort seine Runden zu drehen, bis wir in Karlsruhe ankamen. Die Wanne wurde vor das Haibecken transportiert und es dauerte mehrere Stunden, bis die Wasserwerte angepasst waren. Gegen Mitternacht konnte Kalli dann endlich in sein neues Reich gesetzt werden und begann 5 m lange Runden zu schwimmen – so wie er es gewohnt war. Es dauerte fast eine Woche, bis er sich traute, das ganze Haibecken zu erforschen.

Kallis altes Becken

Kallis Ankunft

Vielen Dank für den Blick hinter die Kulissen!

Wie Ihr wisst, muss niemand Kulturhunger leiden! Dass unsere Kultureinrichtungen in der Zwangspause keineswegs pausieren, sondern mehr und mehr kreative Angebote auf der digitalen Schiene aufziehen, sehr Ihr hier:

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Bleibt gesund! Reinschauen, mitmachen und Kultur tanken!