BioMedien.

Das Zeitalter der Medien mit lebensähnlichem Verhalten.

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Natalie - Dezember 2021

Wie sieht heute das Miteinander von Menschen und künstlichen Agents aus – und wie wird es sich in Zukunft entwickeln? Können künstliche Lebensformen empathisch sein? Die Ausstellung BioMedien im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien geht diesen Fragen nach und gibt Einblicke in mögliche Formen des Zusammenlebens zwischen organischen und anorganischen Lebensformen. Ich war bei der Eröffnung der Ausstellung und möchte Euch ein paar Exponate der rund 60 Künstler und Künstlerinnen vorstellen und mit Euch teilen.

Interaktion mit neuen Mitwesen

Kaum betrete ich die Ausstellung, zieht zu meiner Linken eine endlose Parade außergewöhnlicher, durch Codes generierter Kreaturen an mir vorbei, die meine volle Aufmerksamkeit bekommen. Hierbei handelt es sich um das Video „Infinity“, bei welchem, wie ich erfahre, jeder Charakter das Ergebnis einer zufälligen Kombination von Parametern, programmierten Regeln, in Kombination mit Motion-Capture-Daten ist. Die entstandenen humanoiden Charaktere haben die Designer und Designerinnen in einem späteren Schritt durch zufällige Farben, Frisuren und Gangarten individualisiert. Kein Charakter tritt ein zweites Mal in Erscheinung. Dies ist der Tatsache zu verdanken, dass jede Figur nach dem Zufallsprinzip generiert wird, und der großen Menge an Informationen, die in die Simulation einfließen. Das Ergebnis ist eine unendliche Echtzeit-Parade aus einzigartigen, frechen und fantasievollen Kreaturen. Eine Weile stehe ich vor dem riesigen Bildschirm und schaue der vorbeiziehenden Parade zu. Diese Wesen haben fast schon etwas Menschliches an sich…

Universal Everything, Infinity, 2021

Universal Everything, Infinity, 2021

Die Ausstellung als lebender Organismus

Nachdem ich mich von den lustigen Kreaturen gelöst habe, schweift mein Blick durch die weitläufigen Räumlichkeiten des Lichthofs. Atmende und pulsierende Wände, sich windende Kabel und ein Roboter, der sich frei durch die Räume bewegt – die Ausstellung BioMedien selbst scheint lebendig zu sein. Schließlich landet mein Blick auf einer riesigen Membran. Bevor ich mich fragen kann, worum es sich bei diesem Objekt wohl handelt, kommt eine freundliche Dame aus dem Kunst-Vermittlungs-Team des ZKM I Zentrum für Kunst und Medien auf mich zu und führt mich ganz exquisit durch die Ausstellung. Von ihr erfahre ich, dass die Installation „Zoirotia“ aus dem Griechischen kommend „Lebendigkeit“ bedeutet. Das Exponat geht der Frage nach, wie sich digitale Technologien auf Konzeptualisierung, Design und Materialeinsatz in der Architektur auswirken. Die bewegliche Installation lässt mich in eine dynamische, sich stetig wandelnde architektonische Struktur eintauchen und schafft so ein ganz neues Gefühl von haptischer Erfahrbarkeit und Verbundenheit. In einem langsamen Rhythmus dehnt sich die Arbeit aus, zieht sich wieder zusammen und verändert ihre Gestalt – wie ein lebendiger Organismus. Unter der Membran kann man es sich auf Kissen gemütlich machen, das ganze Konstrukt auf sich wirken lassen und die langsamen Veränderungen der Installation beobachten. Zudem ist der Bereich auch der Kunstvermittlung gewidmet. Ich erfahre, dass die Installation eine formative Struktur aus flexiblen Glasfaserstäben und komplexen Hochleistungstextilien hat, die am Computer simuliert und an automatischen Strickmaschinen produziert wurden. Das koordinierte Zusammenspiel zwischen den Stäben und der sie umspannenden, mehrschichtigen und teilweise durchlässigen Membran hält die Kräfte im Gleichgewicht. Durch den Einsatz neuer Technologien kann jede Membran einzigartig in Form, Größe, Farbe und Dichte an die lokalen Anforderungen des Ausstellungsraums angepasst werden. Auch hier verweile ich einen Moment und schaue fasziniert dem Slow-Motion-Geschehen zu. Wie lebendig und elegant es wirkt…

CITA – Centre for Information Technology and Architecture, Zoirotia, 2021

CITA – Centre for Information Technology and Architecture, Zoirotia, 2021

Welcome dear humans. We would like to invite you to share our habitat with you.

So lautet der Einladungstext an der Wand eines interaktiven Roboterschwarms, der sich in einem separaten Raum befindet und über den Boden krabbelt. Freundlich weisen mich die fünfundzwanzig autonomen Roboter darauf hin, meine Schuhe auszuziehen, bevor ich ihr Habitat betrete. Das Kunstwerk trägt den Namen „Empathy Swarm“, welcher an einen lebendigen Supraorganismus erinnert. Er basiert auf einer abstrakten Form der Mensch-Maschine-Interaktion, bei der die Bewegung als gemeinsame Sprache dient. Das Kunstwerk zeigt nicht nur die Menschen, sondern auch die Maschinen als soziale Geschöpfe. Ich bewege mich gemeinsam mit den Robotern im abgegrenzten Raum und werde auf diese Weise Teil eines Systems, das an einen Vogelschwarm erinnert. „Empathy Swarm“ regt damit zu einem Dialog über die mit dem Sammeln von Daten verbundene Macht an und weist darauf hin, dass es ethisch fragwürdig ist, wie bestimmte Regeln durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz nach und nach unbemerkt in unsere Gesellschaft eingeschrieben werden.

Katrin Hochschuh & Adam Donovan, Empathy Swarm, 2018 – 2021

Katrin Hochschuh & Adam Donovan, Empathy Swarm, 2018 – 2021

You tend to be elated and enthusiastic

Versteckt in einer Ecke und kaum sichtbar befindet sich ein kleiner beleuchteter Spiegel. Ohne meine freundliche Begleiterin hätte ich ihn möglicherweise nicht einmal wahrgenommen. Unter Einsatz eines alltäglichen Objekts – eines Spiegels – sowie einer Künstlichen Intelligenz stellt die Arbeit unser bestehendes Verständnis von menschlichen Emotionen und maschineller Wahrnehmung auf die Probe. Durch KI-generierte Poesie „spricht“ der Spiegel zur betrachtenden Person. Jedes Gedicht ist einzigartig und zugeschnitten auf den von der Maschine wahrgenommenen emotionalen Zustand. Neugierig und leicht nervös stelle ich mich vor den Spiegel und warte auf mein Gedicht. „You tend to be elated and enthusiastic“ lautet die Antwort des Spiegels. Ich werde dazu angehalten, das Gedicht des Spiegels in Bezug auf meine jüngsten Lebenserfahrungen zu deuten. Nachdem ich meine Empfindungen in Worte gefasst habe, kann ich durch meine individuelle und vielfältige Interpretation aktiv an der Mensch-Maschine-Interaktion teilhaben. Eine ganz neue Art der Selbstreflexion, die ich hierbei erfahren darf. Der Spiegel erweitert die Welt des menschlich emotionalen Empfindens – von der inneren, unreflektierten Erfahrung hin zum Greifbaren, Ausdrückbaren. Dieser Prozess der Kategorisierung und Kontextualisierung von Emotionen hilft uns, die vielschichtigen, persönlichen Erfahrungen festzuhalten, die die menschliche Identität ausmachen.

Nina Rajcic & SensiLab, Mirror Ritual, 2020

Nina Rajcic & SensiLab, Mirror Ritual, 2020

Nicht-menschliche Kommunikation

Beim nächsten Exponat geht es weg von der Mensch-Maschinen Interaktion hin zur Interaktion zwischen fünf computergesteuerten Mobiles, die über Licht und Ton miteinander kommunizieren. „The Colloquy of Mobiles“ wurde 1967 – 1968 anlässlich der legendären Computerausstellung „Cybernetic Serendipity“ im Institute of Contemporary Arts (ICA) London geschaffen. Die Interaktion zwischen den Mobiles kann als Plauderei auf einer Cocktailparty interpretiert werden, die sich zu einem stilisierten Balzritual einer unbekannten Spezies entwickelt. Einige der Elemente senden einen Lichtstrahl aus, mit dem Ziel, ein entsprechendes Element zu finden, dessen Spiegel das Licht zurückwirft. Mit Hilfe einer Taschenlampe und eines Siegels kann ich mich an der Konversation beteiligen.

Wie ich erfahre, kommt dem Werk eine historische Bedeutung zu, denn es ist das erste Beispiel einer Kommunikation von Maschinen mit Maschinen. Es geht auf Gordon Pasks kybernetisches Modell zurück, welches das Lernen sowohl bei lebenden Organismen als auch bei Maschinen erklärt. Die Grundlage seiner späteren „Konversationstheorie“ ist, dass Lernen durch Gespräche erfolgt, die zu einem gemeinsamen Verstehen führen. Die hier gezeigte Replik wurde 2018 anlässlich des 50-jährgen Jubiläums des Werks hergestellt.

Gordon Pask, The Colloquy of Mobiles, 1968/2018

Gordon Pask, The Colloquy of Mobiles, 1968/2018

Swarm Study

Unser tägliches Leben ist heute so eng mit komplexen technologischen Umgebungen sowie künstlichen Systemen verwoben, dass die Grenzen zwischen der physischen und den virtuellen Welten immer weiter verschwimmen. Dies erfordert ein neues Verständnis von ökologischen Beziehungen mit künstlichen Systemen.

Die Serie “Swarm Study” von Random International zielt darauf ab, besser zu verstehen, wie kollektive Intelligenz auf menschliche Präsenz reagiert und wie sich dies auf das Verhalten und die Emotionen des Menschen gegenüber künstlichen Entitäten auswirkt. Welche Rolle spielt die Wahrnehmung von Bewegung für die Entstehung von Empathie gegenüber anderen Entitäten? Wie müssen sich verschiedene Formen der Intelligenz verhalten, um Empathie zu wecken?

Wie ich lerne, bewegen sich bei diesem Werk eine halbe Million Objekte in perfekter Harmonie, wobei die einzelnen Elemente auf meine Präsenz reagieren und im Zusammenspiel eine Art generativen Schwarm bilden. Das menschliche Gehirn nimmt den Schwarm automatisch als einzelne Entität wahr, der sich über die Bildschirme bewegt und scheinbar seine eigene Handlungsmacht hat und sein eigenes Empfindungsvermögen besitzt. Die interaktive Installation setzt sich auf diese Weise kritisch mit dem menschlichen Gehirn als sinnstiftende Maschine auseinander. Die Simulation basiert auf dem reduzierten visuellen Input eines Programms für Künstliches Leben von Craig Reynolds aus dem Jahr 1986, einem der frühesten Versuche, Schwarmveralten digital zu simulieren.

Random International, Algorithmic Swarm Study (Triptych) II, 2021

Random International, Algorithmic Swarm Study (Triptych) II, 2021

Neugierig?

Dann kommt vorbei, denn der Besuch der Ausstellung "BioMedien" ist ein einzigartiges Erlebnis, das alle Sinne anspricht und einen wirklich mitreißt. Eines steht jedenfalls fest - ich komme sicher wieder, denn ich habe bei Weitem noch nicht jedes Exponat der Ausstellung entdeckt und erlebt. 

Die Ausstellung BioMedien ist bis zum 28.08.2022 im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe zu sehen.

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